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Psychohygienische Genüsse

Ein Tagung mit dem Thema Genuss und Genießen in Kulturgeschichte und Gegenwartführt mich am kommenden Wochenende nach Berlin. Was denken Sie sich, geschätzte Leser, wenn Sie diesen Titel hören? Mir geht es bei der Fragestellung nicht um die konkreten Inhalte der Veranstaltung, die ich ja selber noch nicht kenne, sondern um das Gefühl, das in Ihnen hochkommt, wenn sich plötzlich so wohltuende Begrifflichkeiten im Raum auftun, die entkoppelt von der Wirklichkeit zu stehen scheinen. Von einer Realität, die den Menschen immer mehr abverlangt. Die den Eindruck vermittelt, dass es da irgendwo an einer überdimensionalen Zitronenpresse einen Folterknecht gibt, der uns Tag für Tag noch mehr abverlangt und jeden Restbestand von Leistung aus uns rausquetscht. Und wenn Menschen bei diesem wenig von Genuss begleiteten Szenario als auswechselbares Menschenmaterial auf der Strecke bleiben, dann ist das noch immer kein gesellschaftspolitisches Problem, solange die Mehrheit bei all diesem Wahn noch irgendwie unfreiwillig, in Sachzwänge gepresst, mitmacht oder präziser formuliert, keine andere Alternative hat, als all das zu ertragen.

Vor einigen Tagen habe ich auf einer großen Konferenz gesprochen. Als Einstimmung für die Teilnehmer gab es einen Film, der die High-Tech-Welt, die unser aller Leben immer mehr beschleunigt, veranschaulichte. Die einzigen im Trailer gezeigten Unternehmen waren übrigens Amazon und Zalando. Applaus gab es am Ende des Clips, aber ich fragte mich wofür? Weil Lagerarbeiter beim Online Schuhhändler für einen Einstiegsstundenlohn von 8,79 Euro brutto in der Stunde Kartons befüllen? Jubeln die auf diese Weise ausgebeuteten Menschen dann vor Glück? Und wer sich verbessern will, der kann bei Amazon anheuern und mit 9,65 Euro brutto pro Zeiteinheit sein Auslangen finden. Ist das die Welt, die vielen Frauen und Männern unter uns noch Genuss ermöglicht? Oder bleibt bei diesen Personen am Ende eines jeden Tages nur mehr das genaue Gegenteil übrig: das Leid, die permanente Angst vor dem Verlust der Existenz? Eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation belegt, dass im “Jahr 2012 rund 6,6 Millionen Beschäftigte in Deutschland für einen Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro” arbeiteten. Das entspricht gut 19 Prozent aller Beschäftigten, Tendenz steigend. Es liegt mir fern, mich klassenkämpferisch zu betätigen, aber mit dem Blick über den Tellerrand der eigenen Existenz hinaus frage ich mich schon, wo diese Entwicklung gipfelt, die Menschen, um mit  Günter Wallraff zu sprechen, zuWegwerfmenschendeformiert, deren Berechtigung an gesellschaftlicher Teilhabe nur deswegen toleriert wird, weil letzte Automatisierungspotenziale noch nicht generiert werden konnten. Sind wir nicht reich genug, müssen die Reichen noch immer reicher werden?

Kritiker könnten einwenden, dass der wahre Genuss vom Materiellen losgelöst gesehen werden muss. Aber wie soll das in der praktischen Anwendung funktionieren? Welchen Genuss sollen viele Menschen dabei empfinden, wenn sie dem herannahenden Winter ins Auge blickend, kein Geld für Heizmaterial oder gar ein Dach über dem Kopf haben? Wer soll im Kopf angenehme Empfindungen mit Essen und Trinken abrufen können, wenn die einzige Form der Nahrungsaufnahme der Gang in die Armenküche oder gar zum nächsten Abfalleimer ist? Viele soziale Standpunkte können sich Menschen dann leisten, wenn deren Grundbedürfnisse befriedigt sind. Ein Dach über dem Kopf, regelmäßig ausreichend Geld am Konto für geleistete Arbeit, ein soziales Umfeld, das einem Geborgenheit vermittelt. Ich und vermutlich der Großteil der Leser meiner Blogs zählen zu den Privilegierten des Lebens. Ich brauche kein Dasein im Übermaß, ich möchte nur jene Dinge verwirklicht wissen, die mir wichtig sind: Freiheit in der Gestaltung meines Lebens, soziale Einbettung in ein Umfeld von Menschen, auf die ich mich wirklich verlassen kann und die Möglichkeit, ein wenig von dieser großen und mich so faszinierenden Welt kennen zu lernen. Mehr brauch ich nicht, ich weiß, dass das ohnehin schon sehr viel ist. Und für so viele sich mir bietende Chancen bin ich wirklich dankbar. Dazu zählt auch, während rings um mich im ehrwürdigen Wiener Tirolerhof hektisches Treiben herrscht, mich meinen Gedanken hingeben zu können, sie niederzuschreiben und mich daran zu erfreuen, dass diese Form der Psychohygiene, des Aufräumens im Kopf, ein mich unendlich befreiender Genuss ist!

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