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Praktische Gelotologie

Der heutige Herbstbeginn ist ein erstes und ebenso ernstes Anzeichen dafür, dass sich das 13er Jahr dem Ende zuneigt. Die konsummäßige Weihnachtszeit hat ohnedies schon begonnen, die damit einhergehende “Lebensfreude” vieler MitmenschInnen ebenso, und im Temporausch der nahenden Vorweihnachtszeit werden wir in einigen Tagen bei Terminvereinbarungen ganz selbstverständlich die Floskel hinzufügen, ob ein etwaiges Treffen noch vor oder erst nach den Festtagen stattfinden könne. Für engagierte Pessimisten könnte man ihrem Dasein entsprechend anmerken, dass die Lebensphase, in welcher die Vergangenheit die Gegenwart endgültig aufgefressen hat, in immer größeren Schritten voranschreitet. Ob es sich unter derlei Vorzeichen überhaupt noch zu leben lohnt, müssen passionierte Schwarzmaler mit sich selbst ausmachen. Der konsequente Konsum der Medien könnte für Zeitgenossen dieser Kategorisierung gewiss als “Lebensendzeitbeschleuniger” mit Turbo wirken.

Diese zugegebenermaßen etwas pessimistische Heranführung an meine Gedanken hat vielleicht damit zu tun, dass mir die heutige Nacht nicht länger Halt gebieten wollte, und so bin ich in deutlicher Distanz zum Sonnenaufgang aus dem Bett gestiegen. Frisch aufgekochter Ingwertee gehört zum morgendlichen Standard, bevor ich dann nach zwei oder drei Tassen desselben einen oder mehre Espressi genieße. Als Stimmungsmacher zwischen mir und den Heißgetränken folgt der Griff nach der vor dem Haus liegenden Zeitung in meinem Kärntner Refugium. Von der Titelseite der Sonntagsausgabe einer Tageszeitung strahlen mir in goldenen Farben zu Boden fallende Laubblätter entgegen. Und zur lebensbejahenden Grundstimmung dieses Bildes passt dann auch noch der über den Hintergrund gestellte Text von Christian Morgenstern, der mit den Worten “… o dir, zu Gold geliebtes Leben, Ruh.” schließt. “Ja eh” denke ich mir, der “Tag des Herrn” darf einem der Schafe auf Gottes Weide nicht überschwänglich entgegentreten. Um dann auf der Seite 2 zu erfahren “Warum das Böse nicht sichtbar ist” und sich perfekt hinter der Maske des Angepassten verstecken kann. Eine Gerichtspsychiaterin und ein Gerichtsgutachter erläutern die Umstände, die aus Menschen im Extremfall Mörder machen, sprechen von fehlenden Ventilen bei sonst unauffälligen Menschen, die dann plötzlich irgendwann ausrasten. Ich denke mir, lasst mich mit dieser “tiefgründigen Erkenntnis” auf nüchternen Magen einfach in Ruhe und beende das Projekt Medienkonsum für den heutigen Tag.

Wenn ich in meinen Vorträgen, so wie in dieser Woche in Norddeutschland, über die Umstände spreche, die den Menschen ein Mehr an Zufriedenheit geben könnten, dann werde ich nicht müde zu betonen, dass das die Basis dafür ist, die vielen ungelösten Aufgaben, Ideen, Fragen und Probleme im Kopf einer Lösung zuzuführen. Ich empfehle meinen Zuhörern an dieser Stelle eindringlich, Dinge auch dann abzuschließen oder zu entscheiden, wenn sich am Ende herausstellt, dass die Entscheidung falsch gewesen ist – sogar das bringt Klarheit, weil zumindest eine Erkenntnis. Diese artikulierten Gedanken veranlassen nicht wenige Personen dazu, mir ihr “Leid” zu schildern, ob unmittelbar nach einem Referat oder via Mail. Die Hauptthemen sind immer wieder gleichlautend, es ist die Einsamkeit in einer Welt, in der angeblich alle vernetzt sind, es ist der Umstand, dass es kaum jemanden gibt, der einem noch zuhört. Es sind die großen Ängste, seine Sorgen und Zweifel jemandem anzuvertrauen, weil sie oder er in einer erfolgsorientierten Gesellschaft keine Schwäche zeigen darf und Scheitern nicht erlaubt ist. Was mit vermeintlich “Schwachen” passiert, zeigen uns ja eindrücklich viele Medienformate in unserer “Erniedrigungsgesellschaft”: nicht auffallen dürfen, immer in Deckung gehen, jede persönliche Individualität im Keim ersticken, permanent das Volk weiter entmündigen, alle in Schablonen pressen wollen, jedes und alles normieren und einen letzten Rest an Lebensfreude auch noch abwürgen, so sieht sie aus, die Lebenswelt im 21. Jahrhundert. Überraschen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser meiner Kolumne, manche gesellschaftlichen Fehlentwicklungen? Mich nicht!

Spätestens jetzt ist eine kleine Werbeeinschaltung für mein neues Buch “Frühstück mit einem Clown” angebracht. Darin gibt es unter anderem ein Kapitel mit der Überschrift “Lebensfreude”, eine Eigenschaft, für die man sich bei seinen Mitmenschen schon fast entschuldigen muss. Wie auch immer, ich werde mich heute am siebenten Wochentag der Wissenschaft zuwenden und versuchen, ein paar Aspekte der Gelotologie zu überdenken. Diese junge Disziplin der Wissenschaft über die “Auswirkungen des Lachens” begründete der Psychiater William F. Fry, 1964 an der Stanford-University. Mich dabei begleitende Fragen sind “Wieso lachen Kinder 400-mal am Tag, Erwachsene aber nur 15-mal? Warum lachten in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Leute insgesamt noch täglich 18 Minuten lang, und heute sind es gerade mal ein Drittel an “verlachter” Zeit?” Ebenso zur Reflexion ist die Erkenntnis geeignet, dass in Gesellschaft bis zu 30-mal so oft gelacht wird wie alleine. Ist das nicht ein großartiges Argument, um wieder mal mit Menschen von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren und zu scherzen? Die sogenannte Lachepidemie in Tansania von 1962 muss ja nicht gleich als Vorbild dienen. An mehreren Schulen hatten damals insgesamt 1000 Mädchen und Frauen über Wochen nicht mehr aufhören können zu lachen. Mann oder in diesem Fall Frau muss es ja nicht gleich übertreiben, aber dem Tag öfter mal mit einem Lächeln zu begegnen würde vielen von uns eher Nutzen als Schaden zufügen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen fröhlichen Sonntag!

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