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Offener Brief an Prinz Charles

Sehr veehrter Prinz von Wales,

Ich gestehe freimütig: Schon seit geraumer Zeit bin ich ein großer Fan von Ihnen. Wie Sie sich seit Jahren mutig gegen Fehlentwicklungen in der modernen Architektur aussprechen und die Dinge dabei unverblümt beim Namen nennen, das ringt mir wirklich Respekt ab. Es ist mir heute ein Bedürfnis, Ihnen dafür meinen Dank zu übermitteln. Wie ich gelesen habe, haben Sie erst kürzlich beim Besuch der Universität von Essex das hypermoderene, fensterlose Audimax des Campus als Mülltonne bezeichnet. Bei näherer Betrachtung eine treffliche Formulierung, wie ich finde. Stararchitekt hin oder her. Zuletzt kritisierten Sie den geplanten Neubau einer Luxuswohnanlage auf dem Gelände der Chelsea Barracks in London, die der Volksmund „Toaster“ getauft hat. Die metallischen, seelenlosen Gebäude würden in parallelen  Linien so eng zusammenstehen, dass nur eine dünne Scheibe Brot dazwischen passte. Daher der Spitzname, der nicht als Kompliment gedacht ist. Finanziert vom Herrscherhaus des Emirats Katar sollten die Kuben aus Stahl und Glas von Richard Rogers neben dem barocken Royal Hospital von Christopher Wren entstehen. Dem Protest namhafter Architekten (Norman Foster, Zaha Hadid, Frank Gehry und Jean Nouve) gegen Ihre „Einmischung“ zum Trotz verhinderten Sie durch Ihr Veto diese Bausünde. Ob die Leute darob amused sind oder nicht, kratzt Sie wenig. Und das ist gut so.

Geht es doch nicht länger nur um ein Projekt in London, das uns hierzulande kalt lassen könnte, sondern generell um die Frage, wie wir mit unseren Städten umgehen wollen. Ob wir es zulassen, dass global vagabundierende Kapitalströme in der Architektenzunft ihre willfährigen Vollstrecker finden, getragen von einem diffusen Zukunftswahn, einem avantgardistischen Hochgefühl, das sich meist als ebenso preiswürdig wie anachronistisch entpuppt. Die Stadt, ob London oder St. Pölten, ist Abbild des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die adäquaten Ausdruck im Gebauten findet. Sie darf nicht Spielfeld waghalsiger Investoren und ihrer hedonistischen Architekten sein. In undurchsichtigen Planungsverfahren setzen sich meist die Interessen von Bauunternehmen, Architekten und Politikern durch, die Wünsche der Bevölkerung werden in aller Regel ignoriert. Wenn es einer feudalen Figur bedarf, um sie diesmal durchzusetzen, dann soll es eben so sein. In diesem Sinne: Bitte mischen Sie sich weiterhin ein, lieber Prinz Charles!

Herzlichst,

Ihr Gerhard Scheucher

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