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Minigolf meets Gault Milleau

Letztes Wochenende in Kroatien. Wir wollen gut essen gehen und stoßen in der Nähe von Umag (Duba) auf ein Restaurant, das zunächst ein ambivalentes Bild vermittelt. Will heißen:  Riesige Speisehalle im Siebzigerjahrecharme, der Boden ist braun verfließt, die Möbel abgewohnt, die Inszenierung schlicht, die Speisekarte strotzt vor Übersetzungsfehlern.  Und dann die Überraschung: Neben dem Eingang eine GAULT MILLAU-Urkunde für das Restaurant Golf, das diesen Namen deshalb trägt, weil irgendwann mal ein Minigolfplatz in der Nähe war.  Wir glauben an einen Fake, macht doch das Ambiente eher den Eindruck, dass jeden Moment eine Autobusgesellschaft erwartet wird, die hier ihren Appetit mit Cevapcici, Pommes und Bier zu stillen gedenkt.

Wie sich herausstellt, hat die Fressbibel die Küchenleistung nicht umsonst mit 13 Punkten und einer Haube belohnt. Wir erleben eine schnörkellose Küche ohne großes Brimborium mit frischen Produkten aus der Region und ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis (im Schnitt zahlten wir EUR 41 pro Person). Der zweifelhafte  Charme des Landstraßenrestaurants aus dem ehemaligen Restjugoslawien wird in überwältigender Art und Weise weggekocht. Gegrillte Jakobsmuscheln, die am Gaumen zergehen, hausgemachte Nudeln mit frischen Trüffeln als Zwischengang und eine frische Goldbrasse mit Kartoffeln und Mangold als Hauptgang. Zum Abgang ein erfrischendes, kleines Zitronensorbet, gefolgt vom einen oder anderen Grappa, der immer nur dann abgesetzt wurde, wenn die nächste Flasche eines vorzüglichen Weißweines kredenzt wird.

Was für ein Kontrastprogramm zu der befremdlichen gastronomischen Erfahrung, die ich unlängst in Wien machen musste. Da kamen zwei Kellner mit der mobilen Olivenöl-Bar daher gefahren, einer erklärt dann, von welchem Baum, in welcher Lage, die kleine Olive zu Boden fiel, dann kalt, warm oder lauwarm gepresst wurde und irgendwann hier gelandet ist. Der zweite Kellner lässt dann in 5 kleine Schälchen je ein paar Tropfen des kostbaren Öls fallen. Zu guter letzt stellt sich heraus, das die Verkostung das Gedeck war und sich mit 7,50 Euro pro Person auf der Rechnung niedergeschlagen hat. Was für ein Nepp!

Eine guter Koch zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er mir ein butterzartes Zungenfleisch, eingebettet in einen gelierten Sud, mit einem kleinen Kapernsalat und Gillardeau-Austern auf einem Teller arrangieren kann, sondern dadurch, dass er aus wenigen Zutaten mit höchster Raffinesse etwas besonderes schaffen kann, ganz ohne Schnörkel und irgendwelchen Verfälschungen. Ein Gericht, das am Ende noch dem entspricht und vor allem nach dem schmeckt, was ich eigentlich essen wollte. Was mir aber als geübtem Restaurantbesucher im gehobenen Bereich schon langsam zu viel wird, ist, dass man immer häufiger den Eindruck bekommt, dass die Inszenierungen immer aufwendiger werden, damit die mangelnde Kochkunst kaschiert wird. Intelligent kochen, bedeutet für mich: Selbst einkaufen, was die Jahreszeit und die Region uns bietet, und diese Produkte rein, gesund und verträglich zubereiten. Verblüffend ist für mich immer die Freude am Freistil-Kochen. Wenige Köche können täglich ein neues Gericht erfinden, aber es ist eine Herausforderung traditionelle Gerichte modern zu interpretieren. Der Anspruch an gehobene Haubenküche geht für mich ins Leere, wenn viel Brimborium gemacht wird, am Ende aber nicht viel dabei heraus kommt. Ich meine, da gibt es sogenannte Sterneköche, die Schnittlauch mittels Infusionsnadeln füllen. Wer soll damit heute noch beeindruckt werden? “Nouvelle cuisine heißt gewöhnlich: zuwenig auf dem Teller und zuviel auf der Rechnung“, hat Paul Bocuse einmal gesagt. Das lukullische Erlebnis im Golf hat mich diesbezüglich wieder ein wenig versöhnt.

Internet: http://www.gault-millau.at/restaurants/Restaurants/52470%2C_Golf/900011212/

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