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Kurz mal um die Ecke geflogen

In den letzten Stunden habe ich in Sachen ökologischen Fußabdruck ordentliche Spuren hinterlassen, eher Furchen, wenn ich die Berechnungen meines lieben Bekannten Rolf zur Bewertung meines Verhaltens heranziehe. Statt einer normalen Reiseroute, die 601 km bis zum Ziel bedeutet hätte, flog ich binnen weniger Stunden 4.315,55 km um meine Destination zu erreichen. Wie man innerhalb kürzester Zeit auf etwas mehr als die siebenfache Flugleistung kommt (das hat mein Freund Klaus für die Statistik festgehalten) ist eine Geschichte, die es wert ist, berichtet zu werden. Der Rückflug von einem Businesstermin wurde zu einer richtigen Odyssee. Nach Frankfurt war ich aus Wien angereist, um vor geladenen Gästen eines Unternehmens als “Scheiterexperte” über das Auf und Ab des Lebens ein wenig zu philosophieren. Es war ein interessanter Abend, das Publikum war zufrieden, der Ausklang der Veranstaltung entsprechend fröhlich. Obwohl mir mein Anzug in dem unklimatisierten Raum bei 32 Grad Außentemperatur nach einer Stunde meines Vortrages so richtig am Körper geklebt hatte, tat das meiner guten Stimmung keinen Abbruch. In dem die Veranstaltung beschließenden Small Talk lernte ich einmal mehr interessante Menschen kennen, ausreichend Kaltgetränke ließen die unerträgliche Hitze angenehmer erscheinen. Am frühen Morgen ging es wieder auf den Frankfurter Flughafen, wo via Berlin der Flug nach Graz ins Wochenende auf dem Tagesprogramm stand. Ein defekter Reifen meines Flugzeuges brachte die Planung des restlichen Tages gehörig durcheinander.

Den Flughafen Berlin-Tegel sollte ich als Konsequenz dieses Vorfalls erst mit einer Stunde Verspätung erreichen. Wenige Minuten blieben mir noch, um vielleicht doch noch die Maschine nach Graz zu ereilen. Ich rannte durch die Ankunftshalle des Flughafens, schwarzer Anzug, weißes Hemd, Computertasche, Reiserucksack. Klar, dass dann in solchen Situationen, wo Eile geboten ist, einem garantiert mehr Menschen als sonst den Weg versperren. Beim Terminal C in Berlin kommt noch hinzu, dass du dort nicht so ohne weiteres zwischen den Gates hin- und herwechseln kannst, sondern nochmals die Sicherheitskontrolle passieren musst. Auch klar, dass dann natürlich besonders genau kontrolliert wird, wenn du keine Zeit hast. Irgendwelche Sicherheitsbeamten verlangten mir an diesem Tag eine erste Geduldsprobe ab, weitere sollten noch folgen. Sie durchwühlten im Auftrag der Bundespolizei mit ihren Gummihandschuhen mein Handgepäck, um dann wie üblich nichts zu finden. Als ich dann endlich am richtigen Gate war, sagte mir die Servicekraft am Counter nur mehr, dass das Flugzeug bereits Richtung Graz unterwegs sei und ich mich an den Ticketservice in Halle C wenden sollte. Dort standen dann vor dem Schalter der AIR Berlin trichterförmig um die 200 Menschen, die allesamt neue Tickets oder Umbuchungen benötigten. In der Reihe traf ich noch drei andere Personen, die wie ich aus Frankfurt kommend Richtung Graz unterwegs waren. Dass der Flieger ein und des selben Betreibers nicht ein paar Minuten zuwarten konnte, blieb uns allen unverständlich. Die Reihe der wartenden Passagiere wurde immer größer, eine gefühlte Ewigkeit dauerte jede einzelne Abfertigung vorne am Schalter, wo gerade mal 4 Mitarbeiter Dienst verrichteten. In der Reihe stehend rief ich die kostenpflichtige Service-Hotline der zuständigen Fluggesellschaft an. Als ich nach dem üblichen Spiel “Drücken Sie die Taste 1, wenn Sie, drücken Sie die Taste 2, drücken Sie Taste 3 wenn Sie usw.” endlich eine menschliche Stimme und nicht nur diesen Blechtrottel am Ohr hatte, versuchte ich der Mitarbeiterin zu erklären, dass ich da mit vielen anderen Menschen in einer Reihe stand und ich mir dachte, dass sie auch am Telefon eine Umbuchung vornehmen könne, damit ich mir das Warten erspare. Eine Dienstleistung, die explizit kostenpflichtig angeboten wird. Die Dame am anderen Ende ersuchte mich kurz in der Leitung zu bleiben, nach einiger Zeit erhallte ihre Stimme wieder. “Die Rücksprache mit dem Teamleiter hat ergeben, dass tagesaktuelle Ereignisse nicht telefonisch behandelt werden können. Sie sollen wie alle anderen in der Reihe warten.” Sie können sich sicherlich vorstellen, was ich ihr geantwortet habe. Für ihren “Boss” hatte ich wenig freundliche Worte gefunden. Sie war noch dabei, sich zu rechtfertigen, aber etwas entnervt beendete ich einfach das Telefonat.

Während meines Studiums hatte uns ein vortragender Professor in einer Vorlesung zum Thema Unternehmensführung einmal erklärt, dass man an der Servicequalität eines Unternehmens dessen Gesamtzustand ableiten könne. Vielleicht sollte ich dort keine Flüge mehr buchen, dachte ich mir. Nach mehr als 2 Stunden Wartezeit stand ich dann endlich am Helpdesk. Die Mitarbeiterin der Fluggesellschaft begann, nachdem ich ihr meine Situation geschildert hatte, mit der Suche nach Ersatzverbindungen. Um es abzukürzen, die Maschinen der anderen Anbieter, die die zweitgrößte Stadt Österreichs an diesem Tag noch angeflogen hätten waren voll, eine Maschine gab es noch gegen 22.00 Uhr nach Wien, aber ohne Anschluss nach Graz am selben Tag. Und der nächste Direktflug stand erst am Nachmittag des darauffolgenden Tages am Programm. Das alles hilft einem wenig, wenn man Verpflichtungen hat, die man nicht so einfach vernachlässigen kann. Die Teilnahme am Schulfest der eigenen Tochter abzusagen, gehört beispielsweise zu diesen Ereignissen, wo es für einen Vater keine Ausreden gibt, wenn man zumindest noch für einige Zeit angehimmelt werden möchte. Nach fast einer halben Stunde war dann die Lösung gefunden. “Einmal kurz um die Ecke geflogen und Sie werden noch am selben Tag heimischen Boden betreten”, sagte die wirklich hilfsbereite Dame am Schalter, um mir dann zu offerieren “Wir schicken Sie einfach über Palma de Mallorca nach Graz”. Ich fragte etwas erstaunt, mit eher ungläubig lautender Stimme “Echt?” Sie blickte mich verhalten an, um dann mit “Sonst kann ich heute nichts mehr für Sie tun” meine Frage zu beantworten. OK, in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen, ich Flugmeilen. Ich ließ mir ein Ersatzformular für die nötigen Flugtickets ausstellen, ging zum Check-in, anschließend erneut durch die Sicherheitskontrolle und verkürzte mir die Zeit bis zum Abflug nach Mallorca mit diversen Kaltgetränken.

Am Gate tat sich dann jenes Bild auf, das man so im Kopf hat, wenn man an Reisen ins 17. Bundesland der Deutschen denkt. Der Großteil der Passagiere war sommerlich gekleidet, ein weiterer Teil vermittelte den Eindruck, die nächsten Wochen den ganzen Sommer über den Ballermann als Urlaubsdomizil auserkoren zu haben. Der Flieger startete nach Plan, ich hatte einen besonders “guten Sitzplatz” ohne Fenster zugewiesen bekommen. Eine ältere Dame, um die 70, in der selben Sitzreihe auf der anderen Gangseite des Flugzeuges hüstelte aufgeregt vor sich hin, um die Aufmerksamkeit der Stewardessen zu erreichen. Endlich wurde die in weißer Leinenhose und blauem Blazer gekleidete Frau wahrgenommen. Sie alterierte sie sich darüber, andere Fluggäste immer wieder um Zustimmung auffordernd, dass der Bordservice ihr noch immer kein Getränk gereicht hatte. Als die “Luftkellnerinnen” endlich unsere Reihe erreicht hatten, wurde die betagte Dame endlich still, während sie mit ihren grellen und aufgeklebten Nägeln an ihren Fingern wild gestikulierte. In der Reihe davor bestellte ein Fluggast Champagner, ich konnte ihn nur seitlich in seinem Profil erkennen. Grünkariertes Sakko, für die Jahreszeit viel zu warm, aber vielleicht war er wie ich ein fliegender Irrläufer an diesem Tag. Sein ordentlich gekämmtes Haar, eine schnörkellose Brille und seine kräftigen Hände konnte ich wahrnehmen, als er diese schon der Flugbegleiterin entgegenstreckte, die versuchte die kleine Flasche Moët & Chandon zu öffnen. Eine Frau um die 30, glatt nach hinten zu einem Rossschwanz zusammengebundenes Haar. In der dunkelblauen Uniform der Fluglinie stand sie im schmalen Mittelgang hinter ihrem Trolley. Die Flasche wollte und wollte sich nicht öffnen lassen. Ihre Gesichtsfärbung hatte schon fast das Rot ihres Halstuches angenommen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, machte es diesen dumpfen Knall der entsteht, wenn sich der Korken aus dem Flaschenhals löst, gefolgt von einem Zisch und einer Fontäne, die die Stewardess wie frisch aus der Dusche kommend aussehen ließ. Sie ging unter dem Gelächter einiger Fluggäste beschämt hinter ihrem Servierwagen in die Knie, um sich vor den Blicken der Schaulustigen zu schützen. Ihre dunkelhäutige Kollegin, auf der anderen Seite des Wagens, reichte ihr Taschentücher nach unten. Als sie sich wieder aufrichtete, überlebte sie den zweiten Versuch eine Champagnerflasche zu öffnen, ohne äußere Beeinträchtigungen. Die Pensionistin in meiner Sitzreihe beschwerte sich zwischenzeitlich über die Konsistenz der servierten Brötchen. Zum Glück zeigte das Display auf der Kabinendecke über meinem Sitz nur mehr eine Restflugzeit von 43 Minuten auf die zu Spanien gehörende Insel im westlichen Mittelmeer. Der Mann auf meinem Nebensitz beobachtete wie ich schweigsam das Geschehen. Als ich von der Toilette zurückkam und wieder meinen Platz einnehmen wollte, sprach er mich mit einem von oben nach unten prüfenden Blick an “Wie sind Sie denn angezogen, wenn Sie auf Mallorca fliegen?” Ich schaute ihn nur wortlos mit einem strafenden Blick an, bevor ich mich in meinen Stuhl zurückfallen ließ. “Malle, Malle” stimmten einige begeisterte Reisende an, als der Landeanflug angekündigt wurde. Pünktlich “schlugen” wir am Boden auf, vereinzeltes Klatschen goutierte die perfekte Landung.

Zwanzig Minuten blieben mir Zeit, um meinen Anschlussflug Richtung Heimat zu erreichen. Im Schnellschritt eilte ich zum richtigen Gate, als einer der letzten Passagiere betrat ich den Flieger. Als einziger Fluggast hatte ich in der Reihe 13 meinen Platz zugewiesen bekommen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Sitze mit dieser “Unglückzahl” im Normalfall in keinem Flieger zu finden wären und wenn, dann würden sie aus Aberglauben nicht belegt werden. Es ist eine Chartermaschine, dachte ich mir, da muss man Kompromisse eingehen. Unter johlendem Gelächter begrüßte eine Stewardess mit dem Namen “Lust….” (ich hatte den Namen nicht richtig verstanden) die Gäste des Fluges. Aber auch die Betroffene dürfte ihren Namen unterhaltsam gefunden haben, sie brachte während der Ansage kaum einen Satz zu Ende, ohne zu lachen, was wiederum einige Fluggäste mit herzhaftem Kichern erwiderten. Eine Beschreibung mancher Reisender erspare ich mir, aber innerlich stellte ich mir schon die Frage, warum es nicht wenige Zeitgenossen gibt, die alle Anstrengungen der Welt offensichtlich dafür aufwenden, um gängigen Klischees nicht nur zu entsprechen, sondern diese sogar zu übertreffen. Wir sprechen von Ruderleibern in allen Farben, Hawaiihemden, Goldketterln aller Art um Hals, Fuß- und Handgelenk. Von jenen Menschen ganz zu schweigen, die jeden Zentimeter ihres Hautgewebes mit Tattoos aller Art verzieren. Ich rede nicht von Körperkunst, die eine Persönlichkeit unterstreicht, sondern von lebenden Litfaßsäulen. Egal! Jeder Mensch soll aus sich jenes Wesen entstehen lassen, das ihm Selbstverwirklichung garantiert. Von Blockaden beengte Zeitgenossen gibt es meiner Beobachtung nach ohnedies genug. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt mit einem Charterflieger die Lüfte durchquert habe. Aber die Statistik, dass der gemeinsame Urlaub zu den Hauptgründen für die Beendigung einer Beziehung zählen soll, fand beim Blick in die Sitzreihen eine eindrucksvolle Bestätigung. Was sind das für unentspannte Gesichter, dachte ich mir. Wäre da nicht jene Gruppe von Naturburschen gewesen, die schon den reibungslosen Start des Flugzeuges mit ihrem bellenden Dialekt und tosendem Geklatsche gewürdigt hatte und auch zum Chor anstimmte, als der Flieger am Zielflughafen seine Bestimmung fand. Ich war der einzige Passagier, der mit Handgepäck gereist war und verließ als erster die Ankunftshalle. Hätte ich wie die anderen Passagiere beim Gepäcksband Aufstellung genommen, ich bin mir sicher, irgendeinen Tumult wegen verwechselter oder gar nicht angekommener Gepäcksstücke hätte es ganz sicher noch gegeben. Mit diesem ungeplanten Reiseerlebnis bestätigt sich, dass die besten Geschichten noch immer das Leben schreibt. Auch wenn man dafür kurz mal 4.315,55 km um die Ecke fliegen muss!

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