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Kopfbrettpolitur

Eigentlich wollte ich diesen Blog schon in der letzten Woche schreiben, aber zu viele andere Aufgaben, kombiniert mit einer erhöhten Reisetätigkeit, haben diesen Eintrag warten lassen. Kennen Sie Pierre Sanoussi-Bliss, lautet die Einstiegsfrage? Einige von Ihnen werden jetzt spontan antworten, ja der… Jene, die keine unmittelbare Antwort auf meine Frage parat haben, bekommen noch eine kleine gedankliche Eselsbrücke. Der 1962 in Ostberlin geborene Schauspieler verkörperte bis vor kurzem den dunkelhäutigen Kommissar Axel Richter in der Fernsehserie “Der Alte”, einem der größten Quotenbringer im deutschen Fernsehen für alle Ewigkeit. Ich kenne den Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor nur flüchtig. Einen Abend lang saßen wir bei einer Gala am selben Tisch, einige Zeit später schrieb der durch die preisgekrönte Komödie “Keiner liebt mich” bekannt gewordene Darsteller für mein Buch “Die Kraft des Scheiterns”, das ich mit meiner Co-Autorin Christine Steindorfer 2008 verfasst habe, den Epilog. Seit diesen Tagen sind wir auf dem vermeintlich unsozialsten aller sozialen Netzwerke mit dem Namen Facebook freundschaftlich verbunden. Das wäre wiederum in einer Welt der Unübersichtlichkeit und unbestimmten Verbundenheit nicht weiter erwähnenswert, aber es ermöglicht eine bestimmte Teilhabe am nach außen getragenen Sozialleben des anderen.

Vor ein paar Wochen teilte der den Kommissar Axel Richter über 18 Jahre verkörpernde Schauspieler seiner Fangemeinde mit, dass ihn der ZDF ins kriminalistische Abseits befördern werde, weil eine Verjüngungskur für die seit 1976 und in 107 Ländern laufende Krimiserie angebracht sei. Jetzt könnte man natürlich trefflich darüber diskutieren, warum in einer immer älter werdenden Gesellschaft ein 52jähriger zu alt ist, um eine besondere Rolle zu verkörpern, zumal außerdem Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht zu den Standardbesetzungen im deutschen Fernsehen gehören. Das ist für mich jedoch nicht der Punkt. Wirklich erschrocken hat mich die Umgangsform des TV-Senders gegenüber dem Schauspieler, weil sie so beispielhaft für eine Endsolidarisierung in der Arbeits- und auch Beziehungswelt geworden ist, wo Wertschätzung, Dankbarkeit, Anerkennung oder auch Loyalität zu vollkommen austauschbaren Kategorien geworden sind. Um das zu verdeutlichen: Da macht jemand 18 Jahre seine Arbeit, da identifiziert sich jemand mit seinem Job, da gibt jemand sprichwörtlich alles für seine ihm zugeteilte Rolle und dann sagt jemand ohne Vorwarnung, das war es und am letzten Drehtag kommt nicht mal irgendein Verantwortlicher des ZDF, um sich für die jahrelange Arbeit, für den Einsatz, für die Verlässlichkeit zu bedanken. Was sind das für Umgangsformen, was sind da für zu klein geratene Menschen in zu groß geschneiderten Positionen, die derlei Handlungen an den Tag legen? Was ist das für eine zur Schau getragene Inkompetenz in der Lösung von Aufgaben?

Der unfreiwillige Abgang von Pierre Sanoussi-Bliss dient für mich als Platzhalter für Kündigungen, die viele Menschen tagtäglich irgendwo erfahren. Prominente haben den Vor- oder auch Nachteil, dass ihre Geschichten von vielen Personen wahrgenommen werden. Ein Fabrikarbeiter, eine Kassiererin im Supermarkt, ein kleines Rädchen personifiziertes Humankapital in der großen Welt der Wirtschaft, werden nicht sichtbar, wenn sie von einem auf den anderen Tag ihren Platz in Büro oder Werkstatt räumen müssen. Viele Werte scheinen wertlos geworden zu sein. Unter dem Joch der Verjüngung, sprich Bereinigung der Kostenstruktur, scheint der Arbeitsmarkt immer mehr zu funktionieren. Es gibt immer irgendwo einen, der es noch billiger gibt, der oder die bereit ist, unter noch schlechteren Bedingungen zu arbeiten. Aber sollten nicht jene Manager, die tagtäglich nur danach gieren, noch mehr Kosten zu senken, noch mehr Abläufe zu optimieren, sich manchmal fragen, was all das bringen soll, in einer der reichsten Gesellschaften der Welt? Wenn ich durch die Straßen gehe, dann wird immer mehr Armut sichtbar, wenn ich Geschäfte betrete, dann wird immer offensichtlicher, unter welchem Druck jeder einzelne Mitarbeiter steht. Oftmals wäre es gut, wenn die, die Entscheidungen treffen, deren Konsequenz in der Wirkung auch am eigenen Leib erfahren würden. Das könnte die Arbeitswelt schon um ein Vielfaches humaner werden lassen. Pierre Sanoussi Bliss hat im Jahr 2006 auf dem Integrationsgipfel der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel eine vielbeachtete Rede gehalten. Eine Empfehlung an die Filmemacher und Medienverantwortlichen lautete damals, dass es ihnen gut tun würde, zumindest manchmal ihr Brett vorm Kopf mit Politur zu behandeln. Ein Ratschlag, der auch für Führungskräfte in der Wirtschafts- und Arbeitswelt von besonderer Aktualität erscheint.

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