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Jogi im Streichelzoo

Vor kurzem habe ich gelesen, dass es jetzt in Wien so genannte Kuschelpartys gibt. Das funktioniert so: Du zahlst 15 Euro Eintritt, um in einem mit Matratzen ausgelegten Raum mit 10-15 wildfremden Menschen Zärtlichkeiten auszutauschen. Der Trend dieser Cuddle-Parties stammt – wie könnte es anders sein – aus den USA, dort reiben sich seit einigen Jahren vor allem nähebedürftige Großstädter aneinander. (Wenn Ihre Fantasie nicht ausreicht: Unter http://www.youtube.com/watch?v=aY5sfIAWAZE können Sie einen lebhaften Eindruck davon gewinnen, wie es auf einem solchen Event zugeht.)

Weil es ja eine gesittete Veranstaltung ist, gibt es Kuschelregeln, die da lauten: Klamotten bleiben an, Sex ist tabu und du musst immer fragen, bevor du irgendwo hinlangst. Nach Auskunft der Veranstalter würden Männer Kuschelpartys nicht besuchen, um Frauen „anzubaggern“, sondern nur zum Kuscheln. Das ganze findet unter Aufsicht einer Kuscheltrainerin statt, die – man höre und staune – eine offizielle Kuscheltrainerausbildung absolviert hat. Ob sich die anwesenden Herren einer Erektionskontrolle durch das geschulte Auge der Kuscheltrainerin unterziehen müssen, war dem Artikel nicht zu entnehmen.
Sorry, aber frei nach Nestroy habe ich das Gefühl: Die Welt steht auf kan Fall mehr lang. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Erwachsene Menschen zahlen Geld dafür, um an Schweißfüßen und Mundgeruch wildfremder Leute teilzuhaben. Bitte fahren Sie doch in Wien zur Stoßzeit mit der U6, da haben Sie dieses Erlebnis zum Preis eines Fahrscheins. (EUR 1,70) Aber wie bei jedem Eso-Trend, stehen auch beim Prepaid-Kuscheln sofort Experten parat, die dem Schmonzes ein wissenschaftliches Fundament attestieren. Eine Medizinerin bestätigt: “ Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass beim Austausch von Zärtlichkeit der Körper das sogenannte Glückshormon Oxytozin ausschüttet, das das Abwehrsystem stärkt und so auch Krankheiten vorbeugt. Außerdem wird durch Kuscheln Stress abgebaut und es dient der Entspannung.“ Ein Deutscher Psychologe meinte in dem Beitrag: „Für manche Menschen ist persönliche Nähe mit vertrauten Menschen eben bedrohlich, insofern stellen Kuschelpartys für sie eine Möglichkeit dar, Bedürfnisse nach Körperkontakt zu befriedigen.“ Und auch der Herr Soziologe kommentiert den Trend zum Streichelzoo: „Wir haben eine Versingelung in unserer Gesellschaft und eine Orientierung auf technogene Nähe durch die Kommunikation per SMS, E-Mail, den Chat-Room, wo eben verbal wie beim Telefonsex alles geht – aber keine sinnliche Nähe erfahrbar ist.“

Gut, wenn sich hier so honorige Herrschaften aus dem akademischen Eck zu Wort melden, sollte ich die Sache vielleicht auch mit dem nötigen Ernst betrachten. Schließlich zeigt die Entwicklung zum Gruppenkuschenln ja komplett neue Perspektiven auf: Kuscheln gibt’s ab sofort auf Krankenschein, fragen Sie einfach bei Ihrem Hausarzt nach. Auch das AMS wird sich freuen, können doch Arbeitslose jetzt durch Ausbildungsmaßnahmen zum Kuscheltrainer ihre beruflichen Chancen deutlich erhöhen. Überhaupt wäre ich dafür, dass eine Kuschelverordnung in Kraft gesetzt wird! Nachdem dies eine Querschnittsmaterie ist, die alle Ministerien betrifft, müsste und sollte der Ministerrat eine Sondersitzung oder eine Regierungsklausur zum Thema “Kuscheln” initiieren. Vielleicht wäre auch ein Kuschelbeauftragter der Bundesregierung eine sinnvolle Ergänzung. Da würde sich eventuell Edith Klinger anbieten. Dann sollte eine Kuschelpolizei ins Leben gerufen werden, das könnte beispielsweise als Reintegrationsprogramm von Prostituierten in den regulären Arbeitsmarkt gestartet werden. Die hätten sicher ein sehr geschultes Auge, wo Kuscheln beginnt und in vulgärer Grapscherei endet. Und auch den TÜV könnte man einbinden, der könnte quasi nach ISO 9000 eine Kuschelnorm entwickeln und ein entsprechendes Audit anbieten. Um den Hygieneaspekt ausreichend gerecht zu werden, böte sich die Verwendung gefühlsechter Ganzkörperkondome an, die von Sponsoren gebrandet werden könnten. Und am Ende eines schönen Kuschelns in der zwanglosen Gruppe, sollten alle Teilnehmer die Chance bekommen, sich einem Selbsttest zu unterziehen, der Ihnen entsprechende Kuschelperspektiven aufzeigt. Und je nach Ergebnis, sollten sich die Probanden ganz einfach mal selber eine Watsch´n geben. Eine richtig gefühlsechte Tachtel, die wirkt garantiert und würde wieder viele Menschen neu justieren und vom Kopf wieder auf die Füße stellen! Gut, die einzigen, bei denen ich im Moment ein Auge zudrücken würde, ist die deutsche Nationalelf. Die armen dürfen sich jetzt ruhig in einer internen DFB-Kuschelparty gegenseitig trösten. Denn nachdem es mit dem Sommermärchen leider nichts geworden ist, können Jogi Löw und seine Jungs sicherlich ein paar Streicheleinheiten gebrauchen.

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