Blog

Jagd auf die Jörgs

Krawuzi Kapuzi! Das war wieder eine aufregende Geschichte im Kasperltheater. Der Kasperl aus Kärnten hat, bevor er sich mit seinem schnittigen Leiterwagerl eingebaut hat, noch schnell einen ganz großen Goldschatz versteckt. Und der böse Räuber aus der Wüste soll ihm auch noch einen Haufen Münzen dazu geschenkt haben. Jetzt wollen alle wissen, wo das viele Geld geblieben ist. Aber Gott sei Dank hat der Petzi gut aufgepasst und alles, was er erlebt hat, in sein kleines Büchlein geschrieben, das jetzt plötzlich aufgetaucht ist. Die Zeitung von Kasperlhausen hat das abgedruckt, damit alle Kinder es lesen können. Und weil es ja jetzt in der Zeitung steht, glauben die Kinder das natürlich. Denn was in der Zeitung steht, das stimmt, oder?

Der Petzi – sorry – Walter Meischberger meinte vorgestern, dass bei den Einträgen in seinem Tagebuch „Realität und Fiktion, Wunsch und Wirklichkeit verschwommen“ wären. Das scheint im Augenblick auch für die hiesige Medienberichterstattung zur nämlichen Causa zuzutreffen. Da beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft ein Notizbuch, eine undichte Stelle bei der Behörde gibt es an ein Medium weiter, wo das ganze zu einer Riesenstory aufgeblasen wird. Die Geschichte hat dann, wie Karl Kraus, der große Sprachkritiker gesagt hätte, „einen Beiklang von Wahrheit“. Denn: Hat irgendjemand mit dem Verfasser des Tagebuchs gesprochen? Fehlanzeige. Trotzdem schreiben alle Medien inklusive der so genannten Qualitätsblätter den Salmon hirnlos ab.

Wer mich kennt, der weiß: Ich stand und stehe Jörg Haider immer mehr als kritisch gegenüber. Deshalb ist an der ganzen Sache für mich das einzig überraschende, dass jetzt ganz Österreich überrascht ist. Nämlich darüber dass Jörgi, der Kämpfer für den einfachen Mann, seinen aufwendigen Jet-Set-Life Style nicht allein von einem LH-Salair bestritt. Dass ein Mann wie Haider seine Schäfchen längst im Trockenen hatte, irrelevant, ob in Liechtenstein oder sonst wo ist nun wirklich keine Sensation. Wie tief ist dieses Sommerloch und wie grenzenlos die Naivität und Narrenfreiheit der sogenannten Journalisten in diesem Land?

Ich tröste mich ein wenig damit, dass es derzeit im benachbarten Ausland um die Seriosität der Medien um nichts besser bestellt ist. Da wurde gerade mit lautem Getöse die Spekulationsmaschine im Fall Jörg Kachelmann angeworfen, der aufgrund der Behauptung seiner Ex-Freundin wegen des Verdachts der Vergewaltigung in Untersuchungshaft wanderte. In allen Gazetten wurden vermeintliche Indizien bis hin zu körperlichen Details mal zudringlicher, mal behutsamer erörtert. Dazu wurde das Leben des Moderators bis ins Persönlichste hinein ausgebreitet, wirkliche oder vermeintliche Geliebte füllten die Spalten, aus psychologischen, kriminologischen Gutachten, die eigentlich erst bei einem gerichtlichen Hauptverfahren hätten öffentlich werden dürfen, wurde seitenlang zitiert. *

Die Faktenlosigkeit rund um den Fall verstanden selbst seriöse deutsche Medien als Einladung, drauf los zu schwadronieren. Als Kachelmann nach 132 Tagen aus der U-Haft entlassen wurde, orakele sogar die renommierte Deutsche Presseagentur ungeniert in ihrer Aussendung: „Ist seine Medienkarriere am Ende?“ und bezeichnete Kachelmann als „Hans Dampf“. Kachelmann mag ein Macho und Womanizer sein mag (was nicht sympathisch wirkt, aber kein Verbrechen ist), aber ob er am Ende schuldig- oder freigesprochen wird, hat nur ein Gericht zu entscheiden. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. Doch vermuten darf man schon jetzt, dass hier durch exzessive, der gerichtlichen Wahrheitsfindung vorgreifende Einblicke in Justizakten die Würde eines Angeklagten und die bürgerliche Existenz eines Menschen tief beschädigt wurde. Entwürdigt wurde dazu auch das mutmaßliche Opfer. Eine Tatsache, die den gedankenlosen Schreiberlingen von der Journaille egal sein dürfte. In Österreich wie in Deutschland gibt es einen Ehrenkodex für Journalisten.Ich darf auszugsweise zitieren:

Der Ehrenkodex regelt Verhaltensnormen für folgende Themenbereiche:

  • Genauigkeit: Die Berichterstattung muss wahrheitsgemäß sein und die Stellungnahmen aller Beteiligten berücksichtigen.
  • Unterscheidbarkeit von Tatsachenberichten, der Wiedergabe von Fremdmeinung(en) und Kommentaren
  • Einflussnahmen Außenstehender auf Inhalt oder Form eines redaktionellen Beitrags und die Vorteilsannahme des Journalisten sind unzulässig. Eine Beeinflussung der Berichterstattung durch finanzielle Interessen des Journalisten oder Verlags ist zu vermeiden.
  • Der Persönlichkeitsschutz ist zu wahren. Persönliche Diffamierungen, Verunglimpfungen und Verspottungen sollen genauso vermieden werden wie Pauschalverdächtigungen und Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung aus rassischen, religiösen, nationalen, sexuellen oder sonstigen Gründen.
  • Die Intimsphäre jedes Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen ist grundsätzlich geschützt.
  • Bei der Materialbeschaffung und Recherche sind unlautere Methoden wie z. B. Irreführung, Druckausübung, Einschüchterung, brutale Ausnützung emotionaler Stress-Situationen und die Verwendung geheimer Abhörgeräte verboten.
  • Das Öffentliches Interesse an einer Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung ist abzuwägen. Dies gilt insbesondere, wenn es um die Aufklärung schwerer Verbrechen, den Schutz der öffentlichen Sicherheit oder Gesundheit oder um die Verhinderung einer Irreführung der Öffentlichkeit geht.

Werte Vertreterinnen und Vertreter der schreibenden Zunft!  Vielleicht täten Sie gut daran, nicht sofort kopflos drauflos zuschreiben, sondern sich die Guidelines für ihre Berufsausübung ab und an zu Gemüte zu führen. Besten Dank!

* DIE ZEIT

Leave a Reply