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Irgendwann ist jetzt

Zuversicht ist der Schlüssel – für ihn wie für das Land“ – für das TIME Magazine war das am vergangenen Mittwoch Punkt Nummer 8 unter den „15 Dingen, die wir von Obama gelernt haben“. Besser sind die 51 Minuten und 52 Sekunden, die der neue US-Präsident vor beiden Häusern des Kongresses gesprochen hat, nicht zusammenzufassen. Die Rede, die sich in eine Reihe brillanter Reden Barack Obamas einordnet, sollte genau das signalisieren: Selbstgewissheit und Zuversicht – oder wie es der Präsident selbst ausdrückte: „Wir werden uns erholen, wir werden Neues aufbauen, und wir werden stärker werden als je zuvor.“ Eine verinnerlichte Zuversicht von der so manch ängstlicher Systemverwalter hierzulande meilenweit entfernt ist. Von der internationalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise bis hin zur Vertrauens- und Dauerkrise. Seit Monaten dominieren die globale Wirtschaftslage und dunkelste Zukunftsszenarien die öffentliche Diskussion.

Wenn Sie mich fragen: Diese Krise ist vor allen Dingen eins: herbeigeredet. Stichwort: Self fullfilling prophecy. Immer neue Horrorszenarien, Rettungsschirme und Staatsgarantien befinden sich im offensichtlichen Widerspruch mit den  vollen Einkaufszentren und Fußgängerzonen, gar nicht zu reden vom boomenden Online-Handel. Aber wer kann, tritt angesichts der Warnungen und Mahnungen auf die Bremse, verschiebt in Erwartung einer Krise, die ihre Existenz der Erwartung verdankt, die eine oder andere Anschaffung. Nicht zu unterschätzen natürlich die  Rolle der Medien, Analysten und öffentlichen Meinungsführer, die  hier noch tüchtig Öl ins Feuer gießen. Ein fataler Teufelskreis. Dem Normalbürger scheint es so vorzukommen, als wollen sich die „Opinion Leaders“  in einen Wettkampf um das negativste Bild über die Wirtschaft überbieten. Wer findet die schecklichste aller Schreckensnachrichten über den Stand der US/Europäischen/weltweiten Wirtschaft?

Die beinahe widerspruchslose Nabelschau von Wirtschaft, Staat und Medien, wie schlimm die Lage doch sei, und erst recht, noch werden könnte, ist für mich langsam unerträglich. Wo sind die Stimmen, die alternative Orientierungs- und Interpretationsangebote aufzeigen? Wer hat hierzulande den Mumm, öffentlich für einen positiven Umgang mit der Krise Partei ergreifen? Wer ruft die Wirtschaft auf, gerade jetzt zu investieren, die Infrastruktur zu modernisieren, antizyklisch zu agieren und die Krise auch als Chance zu sehen. Denn Fakt ist: Wenn das Wirtschaftsgefüge in der Angstfalle steckt und sich entsprechend passiv verhält, sind die nächsten Hiobsbotschaften und eine weitere Runde in der Negativspirale nicht weit. Ich will die Krise nicht wegreden, es gibt sie, aber manchmal ist das Krisengerede gefährlicher als die Krise selbst. Denn bekanntermaßen sind nicht erst seit Ludwig Erhard 50% der Wirtschaft Psychologie, jedenfalls jener Entscheidungen die für Wachstum, Stagnation oder Schrumpfen sorgen.

Der Zukunftsforschers Matthias Horx hat den Kern der Krise, der gleichzeitig auch die Chance ist, vor kurzem sehr gut auf den Punkt gebracht: „Die Finanzkrise ist nur der Auslöser für einen unvermeidlichen Prozess der Neuorientierung. Viele Branchen haben im Boom der letzten Jahre gut verdient – zu gut, als dass sie zu echten Innovationen gezwungen gewesen wären.“ Nehmen Sie nur die Autobranche, den Energiemarkt, die Medien, den Pharmabereich, die Banken – in den Kernsektoren unserer Wirtschaft hat man in den letzten Jahren einfach immer nur mehr produziert. Mehr dicke Autos, mehr Kraftwerke, mehr Medikamente, mehr Zeitschriftenformate. So konnte es irgendwann nicht mehr weiter gehen. Und dieses irgendwann ist jetzt.

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