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Innovation im Klassenzimmer

Ich darf Ihnen heute von meinen Eindrücken aus Malaysien berichten, wo ich gerade in Kuala Lumpur die Malaysia Technology Expo, eine der größten Erfindermessen im asiatischen Raum besuche. „Moving Innovations to Market“ lautet der vielsagende Titel der Exhibition und wenn man die unzähligen Menschen beobachtet, die hier ihre verrückten, gewagten, genialen Innovationen präsentieren, zweifelt man keinen Augenblick daran, dass sie genau das vor haben. Die Erfindungen reichen von einer neuen Generation interaktiver Roboter, die etwa als mobile Alarmanlage, das Gebäude nach Sicherheitsrisiken absuchen bis hin zu einem patentierten Verfahren, das aus Umweltmüll biologisch einwandfreie Baustoffe herstellt. Ich habe das Gefühl, diese Menschen sind heiß drauf, zu zeigen, was sie können und mit welchen Ideen, sie gedenken, die Welt zu verändern. Und das in naher Zukunft. Manche Aussteller auf dieser Messe stellen einfach nur einen Klapptisch auf und sich selbst dahinter. Die Leute kennen keine falsche Scham, auch auf die Gefahr hin, dass ihre Erfindung es womöglich nie zum Durchbruch bringen wird. Hauptsache, man hat es versucht. Nach dem Motto: Think Big! Das ringt mir ehrlichen Respekt ab.

Zumal ein solches Engagement ja bei uns in Europa nur schwer vorstellbar ist. Innovationsschwäche orten da Trendforscher. Und verkrustete Strukturen, die jede neue Idee im Keim töten. Vielleicht aber können wir es uns einfach leisten (bzw. glauben es), in unserer eigenen Suppe vor uns hin zu köcheln. Vielleicht ist es uns viel zu lange, viel zu gut gegangen. Vielleicht haben wir aber ganz einfach längst den Anschluss verpasst? Ich denke nämlich, nur wer wirklich an seiner Lebenssituation etwas ändern möchte, „schmeißt sich ins Zeug.“ und nutzt jede Chance, die er kriegen kann. An dem alten Satz „Not macht erfinderisch“ ist schon was dran – für diese Erkenntnis muss man kein Trendforscher sein.

Apropos Chance. Da fällt mir immer die Geschichte der Faxtechnologie ein. 1956 hatte ein junger Erfinder aus Kiel der großen Siemens unter dem Namen KF 108 ein funktionsfähiges Faxgerät vorgestellt, unter anderem um damit Wetterkarten zu übertragen. Doch Siemens erteilte dem Fernkopierer eine Absage und setzte stattdessen auf den Fernschreiber – eine Übertragungstechnik, die inzwischen fast ausgestorben ist. Das Potential der Faxmaschine erkannten dagegen rund 20 Jahre später die Japaner. Denn dort hatten die Firmen wegen der komplizierten Schriftzeichen Probleme mit dem Fernschreiber, der Fernkopierer brachte die Lösung. Die Geschichte macht für mich einfach deutlich, dass es damals wie heute darum geht, zum richtigen Zeitpunkt seine Chancen zu ergreifen.

Zurück zu meinen Freunden hier in Kuala Lumpur. Im Anschluss an den Messebesuch hatte ich das Vergnügen, mit einer spannenden Runde in einem netten Restaurant oberhalb der Stadt zu Abend zu essen. Unser Gastgeber, ein Professor einer malaysischen Universität, berichtete über seine neueste Erfindung, einen Beschleuniger, der die Durchflussmenge in Pipelines, wie sie in der Erdölindustrie verwendet werden, um mehr als 40 % steigert, was eine erhebliche Kostenreduktion zur Folge hat. Damit könnten Unmengen von teuren Pumpstationen eingespart werden, die sonst aufgestellt werden müssen, um das gewonnene Gut von A nach B zu bringen. Wir diskutierten bei einem Postkarten-Sonnenuntergang, 33 Grad Außentemperatur inklusive, was die Menschheit braucht und was die dazugehörenden Erfindungen sein könnten. Irgendwann landeten wir auch bei der Frage, wie Innovationen überhaupt entstehen können. Der Professor schaute uns an und fragte in die Runde, ob uns nicht die vielen Schüler aufgefallen sind, die sich auf der EXPO umhergetrieben haben. Er führte seine Gedanken weiter aus und erzählte uns, dass es in vielen Schulen – wohlgemerkt Volksschulen – zum fixen Programm gehört, dass die Lehrer mit den Schülern solche Veranstaltungen besuchen. Diese Form des Anschauungsunterrichtes zeigt den Kindern nicht nur, was alles möglich ist, sondern es motiviert sie auch, selbst Dinge auszuprobieren.
Macht das nicht absolut Sinn? Und steht es nicht in krassem Gegensatz zu unseren technokratischen Debatten über Gesamtschulen und Pisa-Zahlen? Zielen unsere engen, gleichgeschalteten Lehrpläne nicht völlig an den Anforderungen unserer Zukunft vorbei? Ich sehe nicht, wo wir bei uns Kinder und Jugendliche ermutigen, Technologie, Wirtschaft, Ihr Land, Ihre Zukunft selbst mitzugestalten. Vielleicht würde der Focus auf den Brainpool Kinder ein Ende der selbstherbeigeredeten Innovationsschwäche bedeuten? Und vielleicht ist an mir doch ein Trendforscher verloren gegangen? 😉

 

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