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Horizonterweiterung

Die 14. Architektur-Biennale hat mich dieser Tage nach Venedig geführt. Schon Friedrich Torberg (1908-1979) wusste in “Die Tante Jolesch”, einem Buch von gesammelten Anekdoten aus dem jüdischen Leben in der Zwischenkriegszeit: „Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bissl anders.“ Womit er zweifelsohne Recht hat. Sogar ein Blinder könnte sprichwörtlich den zentralen Unterschied zu anderen Städten dieser Welt erkennen. Was haben sich Menschen dabei gedacht, eine Stadt zu entwickeln, die aus Meer und Sand, aus dem Nichts heraus, entstanden ist? Der slowenische Bildhauer und Autor Marko Pogačnik stellt in seinem 1997 erschienenen Buch “Geheimnis Venedig – Modell einer vollkommenen Stadt” die Frage, was in der “einem Kunstwerk ähnlichen” Lagunenstadt an “tiefgreifender Inspiration” vorhanden gewesen sein muss, um diese “Schöpfung aus dem Nichts” entstehen zu lassen. “Stein, Holz, Lehm und Eisen, Seide und Edelsteine – all das und vieles mehr musste zu den Sandbänken inmitten der Lagune geschafft werden, um zur Gestaltung dieser filigran ausgearbeiteten Stadtskulptur beizutragen”. Viele Anlässe haben mich im Laufe der Jahre nach Venedig geführt, die Fragen im Nachklang bleiben immer die selben. Beispielsweise, was jene Menschen, die all das gedacht, geplant und realisiert haben, an Phantasie, Kreativität und Schaffenskraft besitzen mussten, um diese einmalige und ihrer Art unnachahmliche Stadt zu erbauen. Stellen Sie sich ein Venedig 2.0 in unseren Tagen vor: welche Verhinderungsarmee hier aufmarschieren, wer sich aller berufen fühlen würde, schon zu Beginn eine so große Idee im Keim zu ersticken.

Eine zweite Episode. Ein Biennale Besuch ist ja nicht nur eine Anforderung an den Geist, sondern ebenso an die Kondition. Wenn man sich wirklich mit den einzelnen zur Schau gestellten Inhalten an all den Plätzen auseinandersetzen möchte, dann läuft man einige Kilometer. Das wiederum bedingt, dass irgendwann die Sehnsucht nach Nahrung die des Kunstgenusses übertrifft. Als bekennender Slow-Food-Aktivist war bei mir schon seit geraumer Zeit ein auf den ersten Blick unscheinbares Restaurant im Visier. In einer kleinen Seitengasse gelegen, unweit des Arsenale di Venezia, kocht einen der Inhaber und Küchenchef Dimitri in vollkommener Entschleunigung und in ständigem Dialog mit seinen Gästen nahezu in den Himmel des Genusses. Das Lokal besteht aus 6 Tischen, die gerade mal 20 Gästen Platz bieten. Verwendet werden lokale Produkte, die Karte ist klein gehalten, gekocht wird vor den Augen der Gäste im Restaurant. Alles frisch zubereitet. Neben dem Umstand, dass diese Form der Essenszubereitung sehr vertrauenserweckend ist, kommt noch ein weiterer wesentlicher und für die heutige Zeit ungewöhnlicher Aspekt dazu. Da wird mit außergewöhnlichen Engagement ein Kontrapunkt zu all diesen Fresshallen eingenommen. Eine Position des Widerstandes gegen den Einheitsbrei, der einem heute als Essen in den so vielen „Hungergefühlbeseitigungsstätten“ dieser Welt serviert wird. So ein Statement gegen den Zeitgeist setzt nicht nur Haltung und Charakter voraus, sondern auch eine gewisse Form von intellektuellem Bewusstsein, womit ich wieder beim Beginn meiner Betrachtungen angelangt bin.

Warum kamen mir diese Gedanken in den Sinn? Auf der Internetseite von “Die Welt” habe ich gerade eine Geschichte nachgelesen. Dabei habe ich ein Interview des Jugendforschers Bernhard Heinzlmaier aus dem Juli des letzten Jahres gefunden. „Auf dem besten Wege in die absolute Verblödung“, lautet der wenig verheißungsvolle Titel. Darin kritisiert der Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien eine systematische Verdummung der Jungen, die „mit begrenztem Horizont und engem Herz in eine unmenschliche Leistungsgesellschaft gedrängt werden würden”. Einen Ausweg, all dem zu entkommen, sieht der Experte darin, unser Bildungssystem nicht ausschließlich ökonomischen Aspekten unterzuordnen. “Unterrichtsstunden in Musik, Literatur und Kunst werden gekürzt, weil diese Fächer kein im ökonomischen Sinne nützliches Wissen vermitteln”. Ein erfolgsversprechender Ausweg wäre von einer Lebenshaltung wegzukommen, “in der es nur um materielle Güter geht, und von einer Bildungspolitik, die nur den Interessen der Wirtschaft dient”. Unlängst habe ich mit einer Personalberaterin telefoniert. In unserem Gespräch erklärte sie mir, dass nur Menschen, die man normieren und in einen Raster pressen könne, vermittelbar seien. Freigeister hätten in der heutigen Gesellschaft kaum eine Chance! Antworten möchte ich auf diese Feststellung, die ich für eine der größten gesellschaftlichen Fehlentwicklung halte mit einer Warnung, die uns schon der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854 – 1900) ins Stammbuch geschrieben hat: Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert“. Eine Erkenntnis, die sich auch in der Einzigartigkeit der La Serenissima eindrucksvoll manifestiert!

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