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Heimatliebe

Mir geht dieses „Hinter allem etwas Böses vermuten Gehabe“ so etwas von auf den Wecker. Ich wiederhole mich in meinen Blogs und frage mich immer wieder, haben viele MenschInnen nichts Besseres zu tun, als nur darauf zu warten, irgendwo meist hinter einem Bildschirm versteckt nach menschlichen Fehlleistungen zu suchen, um wieder jemand vorführen zu können? Was muss das für ein Leben sein, immer nur anderen Leuten ans Bein zu pissen, jedes Wort seines Gegenübers im Mund x-fach umzudrehen, bis irgendein politisches, gesellschaftliches oder sonstiges Versagen konstruiert werden kann. Was werden die von mir wenig geschätzten Zeitgenossen am Lebensabend über ihr Dasein rückblickend sagen? Wird am Ende übrig bleiben, sich eingestehen zu müssen, nie etwas riskiert, nie etwas ausprobiert, aber ganz sicher im Nachhinein in der Theorie all das besser gewusst zu haben, was praktisch nie versucht wurde. Nie aufgestanden zu sein, nie einen Standpunkt eingenommen, nie eine Meinung vertreten, nie für eine Überzeugung gekämpft zu haben, aber immer bei den Ersten gewesen zu sein, die sich am Shitsrom der Beliebigkeit beteiligt haben. Was für eine Lebensleistung! Gratuliere!

Meinen Ummut erregt gerade eine Geschichte in “Die Tageszeitung” (kurz TAZ) mit dem Titel “Hits mit Blut und Boden”, die dem “Volks-Rock-’n‘-Roller“ Andreas Gabalier gewidmet ist. Das Autorenduo Markus Brandstetter und Sandra Manhartseder ist bemüht, eine treffsichere Analyse über den 1984 in Graz geborenen Sänger abzuliefern. “2011 veröffentlichte der Österreicher beim Majorlabel Universal Music sein Album „Volks-Rock-’n’-Roller“. Das Coverfoto benutzt Leni-Riefenstahl-Bildsprache und zeigt den Sänger in einer Körperpose, die an das Hakenkreuz erinnert”, so der 2014 getroffene Befund, der in der Fragestellung gipfelt, “Gewollte Provokation? Oder vielleicht gar ernst gemeintes Statement?”. Um dann in einer an vermeintlicher Exaktheit nicht zu überbietenden Gesamtbetrachtung offensichtlich vom Stein der Erkenntnis mit voller Wucht am Kopf getroffen worden zu sein: “Gabalier schielt mit seiner Musik auf die breite Masse, die Mitte, die „Normalen“. Für die fühlt er sich zuständig, ihr „gesundes Volksempfinden“ liegt Gabalier am Herzen. Für Aufsehen haben seine Blut-und-Boden-Texte („Meine Heimat“, „Heimatsöhne“, „Vergiss die Heimat nie“) und das Hakenkreuz-Cover schon seit Längerem gesorgt… Im Unterschied zur spielerischen Irritation des Transvestiten (gemeint ist vermutlich Conchita Wurst) ist bei Gabalier die Welt in Ordnung”.

Was ist da los? Weil für jemanden die Welt in Ordnung ist, passt er nicht ins Weltbild jener, die in ihren Wohlstandsprivilegien lebend gar nicht mehr mitbekommen, dass unsere Welt, gerade in unseren Breiten lebend, so unglaublich viel Schönes zu bieten hat. Die nicht verstehen wollen oder können, dass sich die Menschen im Zeitalter der Unübersichtlichkeit sehnlichst Plätze und Orte wünschen, wo sie noch wahrgenommen werden. Zufluchtsstätten, die man als Heimat bezeichnen kann. Räume, die uns aufnehmen, um zumindest für kurze Zeit dieser vollkommen sinnlosen Beschleunigung des Lebens für einen kurzen Augenblick entfliehen zu können. Nur weil der “Irre aus Braunau” mit all diesem braunen NSDAP-Gesindel diese Begrifflichkeit zur Volksverhetzung missbraucht hat, darf heute niemand mehr ungestraft seine Heimat lieben? Ich habe keine Ahnung, was manche Menschen von der Welt gesehen haben oder auch nicht. Wer aber viel von dieser Welt wahrgenommen hat, der wird, um mit Andreas Gabalier zu sprechen, seine Heimat nie vergessen!

Um mich gleich zu outen. Ich habe noch kein Lied vom „Volks-Rock-’n’-Roller“ gehört, aber ob dieser geistig rückwärtsgewandten Bedrohung, die sich hier laut der beiden Redakteure in Form des jungen Steirers entfacht, einige seiner Liedtexte nachgelesen. Dieser Mann hat seinen Sender offensichtlich richtig justiert und erreicht mit seinen Liedern die Gefühlswelt vieler Menschen. Die TAZ sieht das ein wenig anders und haut nochmals ordentlich in die Tasten, um sich schonungslos dem Kern der Geschichte hinzuwenden: “Mit seiner Mischung aus pseudonatürlichen Geschlechterrollen und übertriebener Heimatliebe stellt er die alte nationalsozialistische Gleichung von Geschlecht und Volk aufs Neue her; im Unterschied zum aggressiven Nazirock kommt Gabalier dabei allerdings ohne Feindbilder aus. In seiner Musik konzentriert er sich auf das vermeintlich Positive und hat damit großen Erfolg.” Da kommt jemand ohne Feindbilder aus, da konzentriert sich ein Musiker aufs Positive, da liebt jemand seine Heimat! Und paradoxerweise soll genau dieses Faktum das Problem sein? Das macht ihn verdächtig? Da wird jemand mit der Gedankenwelt des 3. Reiches in Verbindung gebracht, weil er für die heutige Zeit nahezu unvorstellbar keine Feindbilder bedient und positive Geschichten erzählt. Dieser Umstand wird zum Ärgernis? Sind wir alle schon vollkommen durch den Wind, jemanden nebulös erscheinen zu lassen, der dem Leben auch die guten Seiten abgewinnen kann? Wenn dem so ist, dann mutiere ich lieber vom Linksliberalen zum Rechten, damit ich meine Heimat lieben darf!

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