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Ghandi oder Dieter Bohlen

Nachdem ich ja des öfteren in Hotelzimmern nächtige, konnte ich in letzter Zeit durch regelmäßigen Konsum deutscher Privatsender meinen Horizont beträchtlich erweitern. So weiß ich: Sehr beliebt sind derzeit Sendungen, bei denen Erwachsene vor Publikum dahingehend vernommen werden, ob sie das Grundschulwissen von Kindern beherrschen. Ein Knaller in diesem Genre ist die von Cordula Stratmann moderierte Show „Das weiß doch jedes Kind!“. Der allererste Satz, den die Moderatorin in dieser Show sagte, lautete: „Wir werden alle miteinander immer blöder.“ Hurra! – rief das Publikum wie verrückt. Im Anschluss lernte man beim „Perfekten Promi Dinner“, wozu ein Besteck nützlich sein könnte. Und Applaus ist allen sicher, die ihre Beschränktheit öffentlich zelebrieren. Mir könnte das ja alles egal sein, wäre da nicht der Fortpflanz, auf den all dieser Schrott noch wartet. Wenn sie eigene Kinder haben, kennen Sie das Gefühl vielleicht: Solange sie klein sind, hat man diese wohltuende Gewissheit, alles im Griff zu haben. Familie, Freunde, Kindergarten, Fernsehen limitiert. Einflüsse von außen sind kontrollierbar. Die Welt ist in Ordnung. Meine Tochter ist jetzt sechs. Und mit nahendem Schuleintritt komme ich langsam ein wenig ins Grübeln. Zum Beispiel Stichwort: Vorbilder. Ich denke da nicht nur an die Lehrer und Lehrerinnen oder die SchulfreundInnen, die ihren Weg kreuzen werden. Sie wird groß werden zwischen Facebook und YouTube, zwischen Deutschland sucht den Superstar und den Simpsons. Sie wird zappen, mmsen und twittern und vieles andere tun, von dessen Existenz ich jetzt noch nichts ahne. Aufwachsen in einem Supermarkt der Orientierungen gewissermaßen – auch was mögliche Leitfiguren betrifft.

Die ZEIT brachte im Vorjahr ein Sonderheft zu den 50 wichtigsten deutschen Vorbildern heraus. Herangehensweise: Was an diesem Menschen, seinem Leben, seinem Werk, bewegt uns über die Bewunderung der historischen, über den Genuss der künstlerischen Leistung hinaus? Welches Wort, welche Tat, welche Charaktereigenschaft, welche Kraft, welchen Kunstgriff, welche seiner Ideen haben wir heute nötiger denn je? Friedrich Schiller, Hannah Arendt, Gotthold Ephraim Lessing, Bertold Brecht, Marlene Dietrich oder Albert Schweitzer sind nur einige der herausragenden Persönlichkeiten, die hier genannt wurden. Der aktuellen Shell-Studie (2006) zufolge sind die Fußballer Michael Ballack und Lukas Podolsky, die Teenie-Band Tokio Hotel, Topmodel Heidi Klum und TV-Moderator Stefan Raab die größten Idole der Jugend in Deutschland. Ohne Worte. Wie es aussieht, werden wir unseren Kindern also nicht nur Medienkompetenz beibringen müssen, sondern auch die Kompetenz zu unterscheiden zwischen denen, die was zu sagen haben und den Blendern. Unterscheiden zwischen denen, die dem Mainstream nach dem Mund reden und denen, die prägend für ihre Zeit sind. Unterscheiden zwischen engagierten Journalisten und eitlen Medienmenschen, die stets ein Auge an die Quote geheftet haben. Unterscheiden zwischen Staatsmännern und –frauen und Möchtegern- Politikern, deren Portfolio sich in Solariumbräune und einem Rhetorik-Schnellsiedekurs vor den Wahlen erschöpft.

Und möglicherweise lassen sich unsere Kinder auch gar nicht so leicht für dumm verkaufen. Denn der deutsche Zukunftsforscher Horst Opaschowski ortet einen interessanten Trend: „In einer Zeit, in der ‚Super-Stars‘ von der Erlebnisindustrie regelrecht gemacht, aber genauso schnell wieder vergessen werden, sind zeitlose Ideale und Idole die wahren Helden“, so der Wissenschaftler. Diese Persönlichkeiten vermittelten Orientierungen, die Moden, Zeitgeistströmungen und manche Zeitenwende überlebten.“ Danke für die aufmunternden Worte Herr Dr. Opaschowski, es besteht also Hoffnung, dass sich unser Nachwuchs mehr an Gandhi als an Dieter Bohlen orientieren wird. Und noch eines macht Mut: Die aktuelle Shell-Studie 2006 besagt auch: Eltern und Familie im weiteren Sinne sind noch heute die häufigsten Vorbilder für junge Menschen. So gesehen, werden wir das hinkriegen. Postulierte doch schon der große Karl Valentin: „Sie brauchen Kinder nicht zu erziehen, sie machen einem sowieso alles nach.“

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Comments 1

  1. Franz Zeder

    Sehr geehrter Herr Scheucher,

    als Leiter der Medienkundegruppe, in der auch Ihre Tochter sitzt, die mir Ihre HOmepageadresse weitergegeben hat, fand ich es interessant, Ihre Essays mit den vielfältigsten Themen in den Unterricht einzubringen. Ich vermute, meine Aufforderung, IHnen ein Posting zu schicken, ging bei den Schülern ins Leere, weil diese eben so konzis formulierte Texte eher nicht rezipieren.
    Ich selbst kann IHnen nur gratulieren – denn Sie beschreiben m.E. exakt, was es mit Bildung in Zeiten der Fast food-Information, die der „Supermarkt der Orientierungen“ anzubieten hat, auf sich hat. Sie schreiben uns Lehrern gewissermaßen nach dem Munde und sind für mich beinahe zu frohgemut in der Einschätzung der zukünftigen Trends. Ja, ich fürchte, dass die Privatsender-Blödeleinen, die leider auch ein kritischer Zeitbeobachter wie Sie vorzugsweise in Hotelzimmern konsumiert (steigert deren Quote!), jeglichen Ansatz zu einem halbwegs ernsthaften Medienangebot überrennen werden. Ich möchte jetzt nicht den gramgebeugten Kulturkritiker heraushängen lassen, aber als Lehrer in über dreijahrzehntelanger Berufstätigkeit habe ich die Umkehr der Trends und Präferenzen innerhalb der Jugendlichen hautnah miterlebt. Die Hoffnung freilich bleibt, und es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass es eine Trendumkehr, wie Sie sie bereits in KOnturen sich abzeichnen sehen, geben könnte. Noch ein Literaturtipp: Konrad Liessmann über Die Theorie der Unbildung – ein Augenöffner!

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