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Generation Quatschkopf

Marion ist schon wieder das Teewasser übergegangen. Birgit freut sich auf „Dr. House“. Und Robert bringt gerade sein Auto in die Werkstatt. Aha. Und thank´s for sharing. Eine typische Facebook-Mitteilung besteht aus wenigen Worten und ist inhaltlich so dünn wie Miso-Suppe. Ständig wollen jetzt Menschen mit mir in Verbindung treten, um Inhalte zu teilen. Manche dieser Menschen kenne ich gar nicht. Ich antworte auch nur selten. Ich bekomme eine Mail von Facebook: „Sophie added you as a friend. Confirm?“ Kann man das ablehnen? Eine Freundschaftsanfrage? Ist das nicht schnöselig, unkommunikativ, assozial? In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen, dass Leute wie ich, die noch im Telefonzellen-Zeitalter groß wurden, ohne Internet und Facebook, als „digitale Immigranten“ bezeichnet werden. Früher bin ich, wenn ich Inhalte teilen wollte, in die Telefonzelle gegangen und rief jemanden an. Das war old school. Als die Handys aufkamen, die E-Mail, die SMS, war ich nicht bockig, sondern aufgeschlossen, ich mailte und sms-te. Doch mit Facebook hat das exzessive Multitasking für mich eine neue Dimension, die Bedeutungslosigkeit der virtuellen Kommunikation ihren traurigen Höhepunkt erreicht. Ich will nicht noch mehr Informationen teilen. Mir gehen die Inhalte aus. My content is empty.

Weltweit sind angeblich bereits 250 Millionen User registriert, allein in Europa zählt die Facebook-Gemeinde 100 Millionen Menschen. In Österreich stieg die Mitgliederzahl der digitalen Community im Vorjahr um fast 500 Prozent – 663.000 User „poken“, „requesten“ und „removen“ bisweilen auch Freunde, die sie in der Regel nie von Angesicht zu Angesicht treffen. Millionen von Menschen werden in web-basierten sozialen Netzwerken de facto zu Voyeuren oder sie spionieren im Namen der „beruflichen Recherche“ Kunden, Lieferanten oder Mitarbeiter aus. Nie zuvor waren Menschen und ihre Beziehungen besser durchleuchtbar als heutzutage. Nie zuvor haben Menschen freiwillig mehr von sich selbst Preis gegeben als heutzutage. Nie zuvor haben Menschen so leichtfertig auf ihre Privatsphäre verzichtet wie heutzutage. Kein Wunder also, dass immer mehr User irgendwann freiwillig den Exodus aus der virtuellen Bassena wählen und ihren Account kurzerhand löschen.

Und auch im Arbeitsleben ist der Kommunikationswahn allgegenwärtig. Standen früher in den Büros und Agenturen alle in der Teeküche zusammen, um zu zeigen: „Ich bin dabei, ich bin gut vernetzt“, so läuft heute alles über E-Mail ab. Zahllose Nachrichten dienen nur der Statusabsicherung, abgesandt am Sonntag oder um zwei Uhr nachts. Wer zeigen will, wie fleißig er ist, kopiert einfach den Chef CC oder BCC ein. Frei nach dem Motto: Wer schreibt, der bleibt. „Etwa 50-mal pro Tag öffnet ein typischer ‚Informationsarbeiter’ sein E-Mail-Fenster, 77-mal wendet er sich dem Instant-Messaging-Programm für den schnellen Versand von Nachrichten zu, nebenbei werden noch etwa 40 Web-Seiten besucht. So hat es die US-Beratungsfirma RescueTime www.rescuetime.com errechnet, nachdem sie die Nutzerprofile von 40 000 Angestellten untersuchte“, schreibt der Spiegel im vergangenen Jahr in seiner Titelstory „Macht das Internet doof?“.* Eine Zahl die im unmittelbaren Vergleich zu denken geben sollte: Ein durchschnittliches deutsches Paar widmet dem wechselseitigen Gespräch gerade mal zwei (!!!) Minuten täglich, so eine aktuelle Studie. Und für unzählige alte Menschen ist der Fernseher nach dem Tod des Partners zur wichtigsten Bezugsperson geworden. Dabei hätten gerade sie uns vielleicht viel zu erzählen. Was ist los mit einer Menschheit, die quatscht und quatscht und quatscht, ohne etwas zu sagen, ohne Orientierung zu geben oder auch nur im Ansatz substanzielle Antworten auf das eigene Sein zu liefern?

Vor kurzem habe ich eine interessante Geschichte gelesen: Nathan Zeldes erforscht beim amerikanischen Chip-Produzenten Intel seit Jahren den Einfluss digitaler Kommunikation auf die Arbeits- und Lebensbedingungen seiner Kollegen. Über zwei Drittel aller E-Mails werden binnen Sekunden geöffnet, wurde dabei herausgefunden. Insgesamt rund drei Stunden pro Tag brauchen seine Mitarbeiter zum Bearbeiten ihrer Elektropost, große Teile davon überdies vollgestopft mit überflüssiger Information. Deshalb hat er sich einen umfangreichen Pilotversuch (Projektname: „Quiet Time“) ausgedacht und vor kurzem abgeschlossen. Sieben Monate lang galt dabei an zwei Intel-Standorten in Texas und Arizona jeden Dienstagmorgen für 300 Ingenieure und Manager offiziell Ruhezeit. E-Mails und Instant Messenger wurden offline gestellt, bei Handy und Telefon die Anrufbeantworter aktiviert, Meetings vermieden. Vier Stunden lang sollte ungestört Zeit zum Nachdenken sein. Über 70 Prozent der Mitarbeiter waren so davon begeistert, sich endlich einmal ohne Kommunikationsstress in Ruhe konzentrieren zu können, dass sie die Einrichtung auch nach Projektende beibehielten.*

Noch ein letzter Sprung zurück zu Facebook: Anfang des Jahres machte die amerikanische Fastfood-Kette Burger King mit einer Guerilla-Marketingaktion von sich reden. „Tauscht eure Facebook-Freundschaften gegen einen Hamburger!“, hieß das Angebot der Kette. Um einen „Angry Whopper“ im Wert von 3,69 Dollar zu erhalten, mussten die Kunden zehn Facebook-Freundschaften kündigen. 185.000 Freunde gingen seit Jahresbeginn schon über den Jordan. Vor wenigen Tagen dann diese Schlagzeile: Die 15-jährige Holly Grogan sprang nahe der britischen Stadt Gloucester von einer Brücke, weil sie mit den Beschimpfungen und dem Druck ihrer «Freundschafts-Gruppe» auf Facebook nicht mehr zurecht kam. Das Mädchen war bereits der 17. Fall von Selbstmord aufgrund von Mobbing in sozialen Netzwerken. Ich frage mich ganz ehrlich: In welcher Welt leben wir, wo wir unsere Kinder vor Gefahren wie Cyber-Mobbing schützen müssen? Was bedeutet ein Begriff wie Freundschaft in Zeiten von Facebook, Twitter & Co? Wie wertvoll ist heute ein Gespräch? Und was ist schon ein Smiley über Messanger im Vergleich zu einer menschlichen Geste? Ich glaube, ich bin ein digitaler Immigrant.

* www.spiegel.de

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