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Geld oder Beton

Eine liebe Freundin von mir hat eine führende Position als Verkaufsleiterin bei einer österreichischen Tageszeitung. Vor einiger Zeit erzählte sie mir folgende Geschichte. Der Chefredakteur des Mediums hatte ein führendes Mitglied der heimischen Bundesregierung in einem Kommentar so richtig vernichtet. Der Minister griff zum Hörer und fragte den schreibenden Scharfschützen, was ihn veranlasst hätte, in dieser Wortwahl über seine Arbeit zu urteilen. Der Verfasser der Kolumne verteidigte seine Sichtweise der Dinge gegenüber dem Politiker, der dies ohne weitere Diskussion zur Kenntnis nahm. Der noch immer amtierende Staatsmann ließ darauf hin der Verkaufsabteilung des Mediums über seinen Pressesprecher ausrichten, dass er ein nahezu siebenstelliges Budget für eine Jahreskooperation seines Ministeriums mit der Zeitung einfrieren werde, da er sich diese Form des Umgangs nicht gefallen lasse. Geschäftsführung und Redaktion haben sich ob des drohenden Verlustes der Butter für das Brot in weiterer Folge darauf geeinigt, ein Zeichen der Wiedergutmachung zu setzen, um ein fix eingeplantes Budget nicht zu gefährden. Ein paar Tage später erschien ein großes Interview mit dem Minister, und die Welt war wieder in Ordnung, Irritationen bereinigt und Geldflüsse gesichert. Diese Geschichte spielte sich nicht in einem der sogenannten „Krawallblattl des Wiener Boulevards” ab, wie selbsternannte Qualitätsjournalisten sehr gerne den aus ihrer Sicht minderen Mitbewerb nennen, sondern in einem ihrer eigenen Leitmedien.

Österreich ist ein kleines Land. Das bedingt, dass sich Menschen eher und häufiger begegnen als in größeren Ländern. Ab einer gewissen gesellschaftlichen Hierarchieebene kennt jeder jeden. Es treffen sich immer die selben Leute aus Politik, Wirtschaft und den Medien und manchmal kommt ein “Satellit” dazu. Im Normalfall ist das alles ein in sich geschlossenes System. Entscheidend ist im hohen Ausmaß nicht was du kannst, sondern wenn du kennst und was du an Gegenleistung nach dem Prinzip “Eine Hand wäscht die andere” einbringen kannst. Bei diesen vielfältigen Gelegenheiten sich über den Weg zu laufen, entstehen amikale Gesprächsatmosphären, man spricht über vieles, selbstverständlich auch über das Geschäft. Und es soll vorkommen, dass auch Herausgeber oder Geschäftsführer von Medien anwesend sind. Selbige treffen auf Politiker, erzählen von Ideen, Kooperationspotenzialen zwischen den beiden Welten. Das ist die freundliche Herangehensweise, andere Medienleute sollen ganz unverblümt auf ihre “politischen Kunden” losgehen, erzählt mir immer wieder mal ein Freund, der für die Medienarbeit eines Ministers verantwortlich ist. Die Formel lautet “Geld oder Beton”. Demnach liegt es im finanziellen Ermessen des jeweiligen Politikers, wie er medial in manchen Medien performt oder eben nicht. Und welchen Stellenwert die Politik in Österreich hat, konnte man bei den Sommergesprächen eines Armin Wolf verfolgen. Ich hätte auch einiges zur aktuellen Politik anzumerken, aber diese Umgangsformen braucht sich sonst niemand in diesem Land gefallen zu lassen. Vielleicht sollte der “Scharfrichter” des Staatsfunks auf diese Art und Weise einmal seinen Generalintendanten zum medialen Schafott führen. Dann würde er für mich an Glaubwürdigkeit gewinnen! Vielleicht sollte er mal in der ZIB 2 mit einem Herrn Alexander Wrabetz in diesem Stil diskutieren und ihn über den Staatsbetrieb ORF befragen, der trotz Millionen von Steuergeld ein Fass ohne Boden zu sein scheint und in dem “normale Mitarbeiter” zu Bedingungen arbeiten müssen, wo jeder andere beamtete Manager eines Staatsbetriebes am Infodesk des Nachrichtensenders seine Hinrichtung erfahren würde. Ich belasse es bei dieser kleinen Abschweifung vom eigentlichen Thema.

Es ist diese Doppelmoral, die mich in der aktuellen Debatte über Inserate und mediale Kooperationen aus dem Umfeld der Regierung so ankotzt. Vielleicht sollten sich Chefredakteure und Journalisten einfach mal mit den jeweilig wirtschaftlich Verantwortlichen ihres Mediums an einen Tisch setzen und in kleiner Runde reflektieren, wie manche Inserate, PR-Texte, Beilagen und was auch immer in ein Druckwerk oder on Air kommt. Vorausgesetzt, viele aus der schreibenden Zunft sind wirklich so unbedarft und ahnungslos, wie sie es teilweise vorgeben. Tagsüber schwärmen die Verkaufsmannschaften aus und versuchen nicht nur Geld aus der Wirtschaft für ihre Medien zu generieren, sondern gehen ebenso selbstverständlich in Ministerien, Landesregierungen und zu Betrieben der öffentlichen Hand, die eine zentrale Funktion in diesem offensichtlichen Spiel haben. Regierungsstellen und Behörden tun sich sehr schwer, auf direktem Wege an Auftraggeber oder Medien Geld zu transferieren. Um solche Vorgänge zu beschleunigen, dienen dann ausgelagerte Unternehmen im halböffentlichen Sektor, die nahezu in allen Branchen (Energiewirtschaft, Verkehr, Forschung, Gesundheit usw.) tätig sind und wo ein vom politischen Willen abhängiges Management Begehrlichkeiten an eine nächste Vertragsperiode denkend erfüllen muss. In diesem Umfeld gibt es meist nicht so strenge Kontrollmechanismen, und die Entscheidungswege sind kürzer als auf beamtetem Dienstweg. Das ist der Status Quo, der allseits bekannt ist. Für die Medien ist das Geschäftsfeld Politik mit allem was dazu gehört ein oft überlebenswichtiges, das sehr leicht aktiviert werden kann und mitunter dafür entscheidend ist, ob am Jahresende ein Gewinn zu Buche steht oder nicht. Die Politik unterliegt der Fehleinschätzung, dass die von ihnen eingekauften Berichterstattungen, Kooperationen, Veranstaltungsserien oder PR Texte politisches Handeln ersetzen könnten! Aber das ist eine andere Geschichte.

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