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Fürstentum Meiselding

Die amerikanische Umweltwissenschaftlerin Donella Meadows (1941 – 2001) hat vor einigen Jahren auf der Grundlage von Statistiken untersucht, wie die Welt aussähe, wenn sie ein Dorf mit 100 Menschen wäre. In dem Dorf lebten 59 Asiaten, 14 Amerikaner (Nord-, Mittel- und Südamerika), 13 Afrikaner und 12 Europäer. 51 der Einwohner wären Männer, 49 wären Frauen, 5 besäßen einen Computer, 2 hätten einen Internet-Zugang. 50 hätten noch nie ein Telefon in der Hand gehabt, 20 Menschen besäßen 86% des gesamten Reichtums, 50 lebten von weniger als 2,50 Euro am Tag. 39 wären jünger als 20 Jahre, 30 von ihnen würden im Armenviertel des Dorfes leben ohne Chance auf Arbeit, 15 Frauen und 7 Männer wären Analphabeten, 10 Frauen würden körperlich oder sexuell misshandelt. Es gäbe 33 Christen, 18 Moslems, 13 Hindus, 6 Buddhisten, 13 gehörten anderen Religionen an, 17 wären religionslos. Dass unser Weltdorf noch nicht so richtig funktioniert, da die einen mit den anderen nicht können, ist evident. Vielmehr noch, der Dialog ist an vielen Orten der rohen Gewalt gewichen. Beim Blick auf die Kriegsherde, bei dieser Eskalationsspirale, die sich immer schneller dreht, bleibt bei mir und vielen anderen Personen eine große innere Ohnmacht zurück, die einen ratlos erscheinen lässt. Aus unserer Perspektive betrachtet ist es so unvorstellbar, dass Menschen in einer vernetzten und kommunikationsorientierten Welt keine Basis für Gespräche finden, die Kriege beenden und die Frauen und Männer in diesen Ländern vom Joch der Gewalt, Entwürdigung und Ausbeutung befreien.

Immer wieder fordere ich in meinen Blogs, dass sich der Einzelne nicht passiv zurücklehnen soll, um im Beobachterstaus zu verharren. Ganz im Gegenteil, gefragt sind Engagement, die Flagge zeigen, einen Standpunkt einnehmen. Dennoch ist es Realität, dass wir hier im Herzen Europas wenig dazu beitragen können, dass in anderen Regionen dieser Welt der Krieg endet. Aber ich werde sicher nicht müde, meine Solidarität mit all den Menschen zu bekunden, die dieses unvorstellbare Leid erfahren müssen. Auf “Die Welt ein Dorf”-Statistik von Donella Meadows bin ich gekommen, da ich am 15. August traditionell wieder mal im Weltdorf Meiselding gewesen bin. Sie werden sich fragen “What the F… ist Meiselding?” Die rund 30 Kilometer von der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt entfernte und zur Gemeinde Mölbling gehörende Katastralgemeinde ist ein Ort, wo im Kleinen auf Privatinitiative Großes geschieht. Ein nachahmenswertes Modell zur Völkerverständigung, wie ich meine. Seit vielen Jahren organisiert dort mein lieber Bekannter, Albert Buchner, von allen als “Fürst Albert” respektiert und geschätzt, mit seiner Familie im wahrsten Sinn des Wortes ein besonderes Fest. Begonnen hatte dieses Ereignis vor mehr als 10 Jahren als Grillparty im Familienkreis. Mittlerweile treffen sich dort immer zu Mariä Himmelfahrt neben den engsten Angehörigen auch Verwandte, Freunde und Bekannte. Für dieses Fest gibt es keine Einladung. Jeder, der einmal die Ehre hatte geladener Gast zu sein, weiß, dass am Tag von “Mariäs Aufnahme in den Himmel” um 12.00 Uhr mittags mit den Feierlichkeiten gestartet wird. Inzwischen finden sich dort jedes Jahr um die 100 Menschen ein. Neue Leute kommen hinzu, manche müssen aus Termingründen absagen, andere finden sich dort wiederum nach einer Pause ein. Im letzten Jahr musste ich beispielsweise fernbleiben, da ich die Zeitverschiebung von einem Rückflug aus Asien falsch berechnet hatte. Wie auch immer. Jeder des auserwählten Kreises kennt den Termin und jeder ist immer wieder aufs Neue herzlich von den liebenswerten Gastgebern willkommen!

Frauen und Männer treffen dort aufeinander: Junge auf Alte, Fabrikarbeiter auf Unternehmer, Künstler auf Beamte, Bauern auf Pensionisten, Inländer auf Ausländer. All das entspricht natürlich nicht exakt einer soziodemografischen Spiegelung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, aber es zeigt, wie unkonventionell konkrete Initiativen auch abseits eines akademischen Diskurses wirken können. Wir treffen uns, tauschen uns aus, sehen uns in einem Jahr wieder, so lautet das Motto und wer möchte, kann sich auch fernab dieses Ereignisses verabreden. Noch immer bin ich aus Meiselding weggefahren, mit reichlich Essen, Trinken und Gastfreundschaft versorgt. Über den Anlass hinaus habe ich Kontakte gepflegt, mich mit anderen Gästen bei Gelegenheit ausgetauscht und mich wiederum gefreut, wenn der August im folgenden Jahr nahte. Dieses unvergleichbare Fest ist jetzt nicht große Weltpolitik oder Diplomatie, aber ein großartiges und nachahmenswertes Beispiel um Menschen zu vernetzten, Barrieren abzubauen, Ländergrenzen verschwinden zu lassen. Durchs Reden kommen bekanntlich die Leute zusammen. In diesem Sinne ist das authentische „Fürstentum Meiselding“ frei nach Marie von Ebner-Eschenbach gesprochen „eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“!

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