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Freundschaftsbudget

Es gibt Menschentypen, die ich sehr schwer bis gar nicht ertragen kann! Beispielsweise jene, die ihre Meinung immer der Windrichtung anpassen oder jene Zeitgenossen, die immer im nachhinein mit größter Überzeugung wissen, was im vorhinein richtig gewesen wäre. Und auf meiner Beliebtheitsskala ganz unten stehen auch jene, die nur dann Umgangsformen an den Tag legen, wenn sie selbst etwas brauchen, sich aber konsequent der Kommunikation verschließen, wenn andere bildlich gesprochen an ihre Tür klopfen. Aktuell bin ich verärgert über einen dieser oberflächlichen Zeitgenossen, einen angeblichen Freund. Wenn ich ihm Nachrichten sende, bekomme ich im Normalfall keine Antwort oder höchstens einen knappen Einzeiler, wenn ich zuvor nachfrage, ob die Mail vom soundsovielten auch tatsächlich angekommen ist. Wenn aber umgekehrt er etwas benötigt, dann legt er plötzlich so etwas wie die Tugend eines gepflegten Umgangs an den Tag. Dann kann er in Windeseile Nachrichten verfassen, die einem Freundschaftsstatus entsprechen, da kann er dann sogar BITTE und DANKE sagen. Vor ein paar Tagen gab es wieder so eine anlassbezogene, freundschaftlich anmutende Kommunikation in einer Form, die mich in der Einschätzung seines Charakters leider erneut bestätigt hat. Als verlässlicher „Kümmerer“ erledige ich seine Anfrage gewissenhaft und in Echtzeit, investiere sehr aufwendig meine kostbare Zeit und bekomme danach keine Antwort mehr, nicht mal ein schlichtes DANKE! Diese konkrete und nicht erste Erfahrung mit ihm ist der Anlassfall, weshalb ich über die Einseitigkeit, mangelnde Wertschätzung und Schieflage in unserer Kommunikation nicht nur verärgert bin, sondern den „Freundschaftsstatus“ zwischen uns mittlerweile absolut in Frage stelle. Auch wenn ich mir jetzt schon sicher sein kann, dass die betroffene Person nicht um eine seiner standardisierten Ausreden verlegen sein wird, wenn er sich mit meinem Unmut in Form dieses Blogbeitrages konfrontiert sehen wird, so ist mir klar geworden: Selbst wenn die von mir verehrte Ingrid Bergmann mit ihrer Erkenntnis „Warten ist eine große Kunst, nichts zu erwarten eine noch größere.“ Recht zu haben scheint, so möchte ich mich dennoch nicht zum völlig erwartungslosen Menschen entwickeln müssen.

Die eingangs erzählte Geschichte ist der Anlassfall, der berühmte Tropfen, der mich dazu animiert hat, nachstehende Gedanken zu notieren. Geht es Ihnen nicht genau so, geschätzte Leserinnen und Leser meiner Kolumne, dass Sie manchmal das Gefühl haben, dass die Kommunikation und die damit einhergehenden Umgangsformen nur eine Einbahnstraße sind? Dass viele Mitmenschen identitätsstiftende Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft – sprich Umgangsformen – nur dann zur Anwendung bringen, wenn es um den eigenen Vorteil geht, aber das, was man gemeinhin als gut erzogen, höflich oder kultiviert bezeichnet, vermissen lassen, wenn es um das Gegenüber geht. Über den Umgang mit Menschenhat sich schon der deutsche Schriftsteller Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796) seine Gedanken gemacht. Das 1788 erschienene Buch, das in unseren Sprachgebrauch schlicht und einfach als “Knigge” eingegangen ist, beschäftigt sich mit „guten Umgangsformen“. Im ersten Kapitel notierte er unter Punkt 13: „Interessiere Dich für andre, wenn Du willst, dass andre sich für Dich interessieren sollen! Wer unteilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach fremdem Beistande sehnt.“ Diese ganz einfache Handlungsanleitung zur Regelung von Beziehungen, Freundschaften und dem Zusammenleben im Allgemeinen werden sich manche erst dann bewusst, wenn Brücken abgebrochen und Signale verstummt sind.

„Höflichkeit ist ein Kapital, das den reicher macht, der es ausgibt“, besagt ein persisches Sprichwort. Die Rahmenbedingungen von Beziehungen haben viele Faktoren, wie Forscher auch auf wissenschaftlicher Ebene mehrfach festgestellt haben. Beispielsweise untersucht die Sozialpsychologin Beverly Fehr von der kanadischen University of Winnipeg seit den 1990er Jahren, wie Freundschaften entstehen und wie sie sich entwickeln. Nicht wenig überraschend ist der Faktor der gegenseitigen Wertschätzung von enormer Bedeutung für das Funktionieren einer menschlichen Verbindung. Wenn das Freundschaftsbudget nur einseitig gespeist wird, dann ist es irgendwann aufgebraucht, die Quelle der emotionalen Nähe, der Vertrautheit und der Verbundenheit versiegt. In Zeiten, in denen sich die Mehrheit der Menschheit vor lauter sogenannten Freunden in sozialen Medien gar nicht wehren kann, sollten die paar wenigen wirklich real existierenden Freunde besonders gepflegt werden, finde ich. Und eine Umgangsform des gegenseitigen Respekts und der persönlichen Wertschätzung ist wohl das beste Schmiermittel dafür! Diese einfach anzuwendende Betriebsanleitung für ernstgemeinte Freundschaftspflege soll angeblich auch im Umgang mit anderen und uns ferner stehenden Menschen von ebensolcher großer und positiver Wirkung sein – vorausgesetzt, sie passiert auf gleicher Augenhöhe.

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