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Entehrungsstrategien

Der Volkswagen Konzern belügt und betrügt in Sachen Abgaswerke von Dieselfahrzeugen, dass sich die Balken biegen und keiner hat etwas davon gewusst, zumindest nicht an der Spitze des mit Unterstützung der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ im Mai 1937 gegründeten Unternehmens. Erst der Druck der Medien hat den mittlerweile zur Geschichte des Automobilherstellers gehörenden Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn dazu veranlasst, deutliche Worte für dieses unglaubliche Fehlverhalten zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Noch im März dieses Jahres sagte er in einem Interview mit der “Welt”: „Volkswagen soll in jeder Hinsicht an der Spitze stehen, auch in Sachen verantwortungsvoller Unternehmensführung. Ich bin mit dem Wort ,Vorbild‘ vorsichtig – einen Vorreiter kann man unsere Industrie und damit auch Volkswagen aber sehr wohl nennen: Bei den Arbeitsbedingungen, beim verantwortlichen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten macht uns wohl niemand etwas vor.“ Ja genau, so sieht verantwortlicher Umgang mit unseren Lebensbedingungen in gelebter Praxis aus! Vermutlich werden auch noch Konkurrenten der Volkswagen AG in den nächsten Wochen und Monaten der Lüge überführt werden, aber was sind das für miese Charaktere, die ihr Geschäftsprinzip auf Lug und Betrug aufbauen müssen. Dieser Umstand empört mich maßlos!

In die selbe Kategorie fällt auch der Eigentümer der Restaurant-Kette Vapiano. Erst gestern musste ich lesen, dass Gästen nicht die ausgewiesenen teuren Scampi, sondern billige Garnelen serviert wurden. Da geht es nicht um den Wert des Produktes, sondern um den Umstand, Kunden systematisch hinters Licht zu führen. Es ist diese Mentalität des “Wir probieren es einfach”, um noch ein paar Cent mehr an Profit zu machen. Was ist das für eine Profession, sein Tagwerk einem derartigen Handeln unterzuordnen, frage ich mich? Was ist das für ein erbärmliches Daseinskonzept? Oder um eine andere Branche zu nennen, was ist mit den vielen Produzenten, insbesondere aus der Elektronikbranche, wo es mittlerweile zur Selbstverständlichkeit gehört, sogenannte Sollbruchstellen einzubauen, damit Gerätschaften nach bestimmter Zeit vor der Zeit den sicheren Maschinentod sterben. Jedes kleinste Detail wird in diesem Land reguliert, nur der Gang auf die Toilette ist noch einigermaßen frei. Meist sinnlos agierende Körperschaften verbringen Zeit ohne Ende mit nutzlosem Regelwerk, das den Bürger noch weiter entmündigen soll, aber Gesetzesideen, um diese hinterhältige Profitgier einzudämmen, gibt es nicht. Das wäre eine lohnende Aufgabe und würde das Vertrauen der Bürger in den Staat ganz sicher stärken! Verfolgt man beispielsweise die Aktivitäten des Vereins für Konsumenteninformation oder der Stiftung Warentest, dann bleibt einem der Mund offen ob all dieser Dreistigkeit, die von der Industrie längst zum Selbstverständnis geworden zu sein scheint. Anbrüllen möchte ich all diese Damen und Herren in Entscheidungspositionen, sie fragen, ob sie wissen, was Verantwortung ist, wie sie solche leben, und ob sie sich aufgrund ihres Handelns überhaupt in den Spiegel schauen können, ohne zu kotzen.

In Amerika kehrt das öffentliche Schämen in den Alltag zurück. Richter verordnen dort immer häufiger Straffällige – wenn man es so ausdrücken möchte – zu Demutsübungen in der Öffentlichkeit. Wie wäre es, wenn ein Herr Winterkorn, ein Herr Vapiano und all die anderen Mistkerle auf öffentlichen Plätzen ihr Fehlverhalten erklären müssten? Ich glaube persönlich, dass diesen – vorwiegend Herren – Geldstrafen nicht nur nahezu egal, sondern ohnedies schon als Teil des riskanten Geschäftskonzeptes Bestandteil der Kalkulation sind. “Shaming punishment“ nennt sich eine Form des richterlich angeordneten An-den-Pranger-stellens, die in den USA angewendet wird. Die Delinquenten zu unkonventionellen Strafen zu verdonnern ist ein Teil des Konzeptes. Noch wichtiger ist aber das öffentliche Signal an die Gesellschaft, wie Experten betonen. Durch vorübergehende öffentliche Entehrung und Entwürdigung, so die Idee, soll der Straftäter zur Einsicht gelangen und das Volk abgeschreckt werden.Man kann zu diesen Strafen stehen wie man möchte. Eines sollte jedoch gewiss sein, dass definitiv wirksame Methoden und Mittel gefunden werden müssen, um all dieser praktizierten Skrupellosigkeit Einhalt zu gebieten!

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Comments 26

  1. Christian

    Habe in den letzten drei Tagen die Bachelorarbeit meines Schwesterleins korrigiert. Studiengang Soziale Arbeit, Teil des Themas der Arbeit: Rechtsprechung im Vereinigten Königreich. Schwer, von 70 Seiten, zumal wenn man mehr auf Rechtschreibung achten soll, viel Inhaltliches auf Anhieb zu behalten, aber was mir durchaus in Erinnerung blieb: Die Diskussion darüber, was wirklich eine effektive präventive Abschreckung darstellt, wird seit Jahrhundert geführt und bisher ist keine eindeutige Lösung in sicht. Schonmal jemand Nozicks „Anarchy, State, Utopia“ gelesen? Auch dieser gute Mann führt einem vor Augen, wie schwer es ist, zu entscheiden, mit welcher Strenge man „potentielle“ Straftäter schon von vornherein ausbremsen soll / darf. Fest steht: Ein „Pranger“ ist nicht unbedingt eine sozialverträgliche Idee, oder? Jemanden wohin zu stellen, damit andere an ihm ihre Wut auslassen können, ist ein „Auge um Auge“-Prinzip das auf mich eher einen veralteten Eindruck macht. Ich denke mal, die Verantwortlichen sind mit ihrem persönlichen Reputationsverlust so schon bestraft genug; wenn personelle Konsequenzen gezogen werden, ist dies nötig und wichtig, wie „vertrauenswürdig“ die entsprechenden Nachfolger sein werden, muss sich zeigen, im Augenblick tun mir die restlichen der 600.000 Angestellten leid, die plötzlich in einem schlecht beleumundeten UNternehmen arbeiten müssen. Hoffentlich sehen es die meisten so: Das ist eine Herausforderung, wir stellen uns ihr, und wir sorgen dafür, dass es bald wieder aufwärts geht! Ich arbeite selbst für ein Unternehmen, das mit VW zu tun hat – BFFT Fahrzeugtechnik – und nach den letzten Wochen ist hier vor allem eins zu bemerken: Es werden die Ärmel hochgekrempelt und gesagt: Wir schaffen das! Jetzt bloß nicht die Flinte ins Korn werfen! Man darf nicht vergessen: Es gibt eben nicht nur „all die anderen Mistkerle“, sondern eben auch die anderen – die vielen anderen, die ganz brav ihrer Arbeit nachgehen und versuchen, auf redliche Weise Großes zu leisten.

    Grüße, CHristian

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