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Eine von zwanzig

Schön langsam werde ich ungeduldig. Die Arbeiterkammer Wien untersuchte im Februar 2010 zum wiederholten Mal den Anteil von Frauen in den Geschäftsführungen und Aufsichtsräten der Top 200 Unternehmen Österreichs. Und jetzt kommt´s: Die Frauenanteile liegen 2010 bei 5,3 % in der Geschäftsführung (2009: 4,8 %) und bei 9,7 % in den Aufsichtsräten. (2009: 8,7 %). Will heißen: Es geht hier in Punkto Gleichstellung rein gar nichts weiter. Aber das passt doch nicht zusammen. Die Frauen mit denen ich es tagtäglich zu tun habe, haben zum großen Teil eine Topausbildung, Durchsetzungsvermögen, Power, Organisationstalent, sind tough, flexibel und überhaupt kriegen Dinge unter einen Hut, für die sich ein durchschnittlicher Mann mehrfach klonen müsste. Wow!

Auf der eine Seite also all diese großartigen Frauen auf der anderen Seite dann solche Zahlen: Gerade einmal jede/r zwanzigste GeschäftsführerIn (33 von 627) und jede/r zehnte AufsichtsrätIn (141 von 1.454) ist weiblich: In jedem dritten Unternehmen sind Frauen in keiner Art und Weise an der obersten Führung beteiligt, nur in 18 der Top 200 Unternehmen ist zumindest eine Frau sowohl in der Geschäftsführung als auch im Aufsichtsrat vertreten. In folgenden zehn (!) ATX Unternehmen ist weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat eine Frau vertreten: bwin Interactive Entertainment AG, Flughafen Wien AG, Intercell, Mayr-Melnhof Karton AG, Palfinger AG, Raiffeisen International Bank-Holding AG, RHI AG, Schoeller Bleckmann oilfield equipment AG, Voestalpine AG und Zumtobel AG. Von einer Indra Nooyi, die in den USA den Getränkeriesen PepsiCo führt, oder einer Anne Lauvergeon, die in Frankreich dem Energiekonzern Areva vorsteht * sind wir hierzulande weit, weit entfernt.

Ich weiß, ich weiß. Noch vor einiger Zeit konnten Sie in meiner kleinen Internetkolumne lesen, dass ich verpflichtende Quoten als Instrument der Gleichberechtigung nicht sehr elegant finde. Weil ich einfach der Ansicht war (und immer noch bin), dass Frauen so ein Instrument nicht nötig haben.  In letzter Zeit habe ich begonnen, darüber nachzudenken. Und zwar nicht, weil ich Frauenquoten oder Quotenfrauen so toll finde, sondern aus rein unternehmerischem Kalkül. Ich denke, unser Wirtschaftsstandort kann es sich auf Dauer einfach nicht leisten, auf die Hälfte seines intellektuellen und menschlichen Potenzials zu verzichten! Und dann behauptet die Wirtschaft, ihr gehen die Fachkräfte aus. Dabei  belegen Studien eindeutig, dass Unternehmen mit mehr Frauen an der Spitze im Wettbewerb besser abschneiden. Ist das nicht absurd?  Aber woran liegt es, verdammt noch mal?

Norwegen hat 2003 als erstes Land der Welt eine Geschlechterquote von 40 Prozent für Aufsichtsräte eingeführt. Bei Nichterfüllung drohen Sanktionen bis zur Zwangsliquidierung des Unternehmens. Ein Weg? Paradoxerweise war es ein Mann, und ausgerechnet ein konservativer, der den Norwegerinnen die Quote brachte. Heiße Diskussionen folgten. Schon klar, es geht schließlich um Leistung, um Wettbewerb, um Eigenverantwortung. Und nicht darum, einen Frauenbonus zu schaffen. Auf der anderen Seite, sprechen die Zahlen für sich: Seit die Quote gilt, ist Norwegens Wirtschaft im Jahresschnitt um fast zwei Prozent gewachsen. Kaum ein westliches Land hat die Wirtschaftskrise so gut überstanden. Norwegen belegt regelmäßig Spitzenplätze, wenn das World Economic Forum die Staaten nach der Gleichberechtigung sortiert. Gleichheit zwischen Mann und Frau gehört gewissenmaßen zum nationalen Lebensgefühl.*
Thomas Sattelberger, der Personalchef der Deutschen Telekom meinte vor kurzem er habe jahrelang für mehr Frauen in Toppositionen gekämpft und schließlich einsehen müssen, dass sich „traditionelle Rollenmuster und etablierte Old-Boys-Netzwerke nicht durch Mentoren- oder Frauenprogramme durchstoßen“. Das Unternehmen zog daraus seine Konsequenzen und führte als erstes deutsches DAX-Unternehmen eine Quote ein, um den Frauenanteil in den Führungsetagen zu erhöhen. Demnach sollen bis Ende 2015 knapp ein Drittel der Leitungsposten sowohl in der oberen als auch der mittleren Führungsebene mit Frauen besetzt sein. Vielleicht sagen Sie jetzt: Eine solche Art der Unternehmenspolitik muss man sich leisten können. Stimmt. Aber man muss auch wollen.

Und sieben Jahre nach der Einführung der Quote zeigt das norwegische Beispiel: Wenn die unbeliebte Maßnahme Früchte abwirft, kräht kein Hahn mehr danach. Oder wie es Marit Hoel, Direktorin des norwegischen Center for Corporate Diversity kürzlich in eine Interview mit der ZEIT sagte: „Es gibt keinen Rückwärtsknopf im Leben.“ Also eine Quote als Einlassticket ins Top-Management? Ist das gut? Ist das schlecht? Darf der Staat derart in die Geschäftspolitik von Firmen eingreifen?* Braucht es vielleicht manchmal ein Gesetz, um einen fundamentalen Wandel herbeizuführen? Ich weiß es auch nicht. Aber ich finde es ist zumindest wert darüber nachzudenken.

Quellen:
* DIE ZEIT, N°32
Frauen in Geschäftsführung und Aufsichtsrat, Studie der Arbeiterkammer Wien, März 2010

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