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Ein Hoch dem 1. Mai!

Der Tag meiner Geburt war der 1. Mai. Es wird niemanden überraschen, dass ich mich an meinen ersten Tag auf diesem Planeten nicht wirklich erinnern kann. Ich habe es gerade noch kurz vor Mitternacht geschafft, an einem Sonn- und Feiertag geboren zu werden. Meine ersten Erinnerungen an meinen Geburtstag sind von den Klängen einer Musikkapelle dominiert. In meiner Kindheit weckte mich Jahr für Jahr der dröhnende Lärm der Glasfabriks- und Stadtkapelle Köflach, die regelmäßig zwischen 6.30 und 7.00 Uhr morgens vor meinem Elternhaus Aufstellung nahm, um den Radetzky-Marsch zu spielen. Die den Takt angebende Trommel stimmte auf den Rhythmus ein, die um die 30 Mann zählende Kapelle folgte, so wurde das Morgengrauen binnen weniger Klänge zum Tag. Während nach vollbrachter Leistung die eine Musikkapelle nach dem Erhalt einer ansehnlichen Geldspende zum nächsten Auftritt eilte, war die andere Gruppe schon im Anflug. Die Gestütskapelle aus Piber, der Heimat der Lipizzaner, brachte sich in Stellung, spielte ein Musikstück, nahm eine Spende entgegen und Ruhe kehrte wiederum ein. All diese Darbietungen hatten nichts mit meinem Geburtstag zu tun, sondern viel mehr mit der gesellschaftlichen Position meines Vaters. Erst in späteren Jahren kamen beide Orchester zu einem späteren Zeitpunkt, um nicht nur mich, sondern auch die gesamte Nachbarschaft, zu einem einigermaßen vertretbaren Zeitpunkt aus dem Schlaf zu reißen. Heute morgen hatte ich daran gedacht, welche Reaktionen eine derartige Geräuschkulisse wohl in der Jetztzeit erzeugen würde. Ich bin mir ziemlich sicher, irgendein Nachbar würde die Polizei verständigen, einer weiterer würde die gesamte Szene mit seinem Smartphone filmen, um sie dann auf Facebook oder Twitter mit entsprechenden Kommentaren zu veröffentlichen, die morgendlichen Jogger würden sich wohl in ihrer Konspiration gestört fühlen.

Szenenwechsel. Mitte der 90er Jahre habe ich einige Zeit für ein Regierungsmitglied gearbeitet, das auch gleichzeitig Vorsitzender seiner Partei war. Der 1. Mai in dieser Zeit gestaltete sich durch Besuche zahlreicher Maikundgebungen. Mein damaliger Chef hielt die Festansprache, ich habe ihn als Sekretär begleitet. Einmal sind wir, es muss 1996 oder 1997 gewesen sein, in die Obersteiermark zum “Kampftag der Arbeiterbewegung” gefahren. Mit mehr als 1.000 Menschen sind wir durch die Straßen dieser Industriestadt marschiert, um dann im dortigen Volkshaus Platz zu nehmen, das kurzerhand ob des schlechten Wetters für den Festakt ausgewählt wurde. Ein lokaler Parteifunktionär, der gleichzeitig Bürgermeister eines Ortes gewesen ist, versuchte sich als Moderator. Auf der Bühne hatte die dortige Werkskapelle Platz genommen, spielte einen Begrüßungsmarsch, der “fragwürdige Entertainer” hob zu seinem ersten Witz mit einem Krug Bier in der Hand an. Es ist nicht später als 9.00 Uhr gewesen, die Halle johlte, der “Alleinunterhalter” legte unter Applaus des Publikums nach. Er fragte “Wos is des? Es is links und rechts gölb und stinkt in da Mittn.” (Auf Hochdeutsch: Was ist das? Es ist links und rechts gelb und stinkt in der Mitte.) Die hunderten Zuhörer forderten lautstark die Antwort ein, die prompt folgte. “Es is a Jugo, der beim Kastna & Öhler einkafn woar.” (Auf Hochdeutsch: Es ist ein Jugoslawe, der beim Kastner & Öhler einkaufen war.) Für nicht Ortskundige muss man hinzufügen, dass es sich dabei um ein traditionsreiches Einkaufsgeschäft in der Grazer Innenstadt handelt, das zum damaligen Zeitpunkt gelbe, sehr markante Tragtaschen ausgab. Die große Mehrheit des Publikums prostete dem auf der Bühne im Trachtengewand stehenden Moderator zu. Im Saal befand sich auch ein Gewerkschaftsboss, der die ganze Ansage gar nicht unterhaltsam gefunden hatte. Der groß gewachsene Mann erhob sich von seinem Sitzplatz und brüllte die Musik übertönend “Holts erm oba, den Dodel, i leg erm ane auf.” (Auf Hochdeutsch: Holt ihn von der Bühne, diesen Idioten, ich möchte diesen Mann ohrfeigen.) Eine lautstarke Auseinandersetzung mit wüsten Beschimpfungen folgte, wenige Minuten später prosteten sich die beiden Männer mit einem Bier zu. Der Moderator entschuldigte sich vor dem gesamten Publikum für die politisch nicht ganz korrekte Ansage mit den Worten “I woar scho imma a Depp.” (Auf Hochdeutsch: Ich bin schon immer ein Idiot gewesen.) Nach der Veranstaltung wurde diese Frage weiter thematisiert, nach einigen Bieren waren die Fronten geklärt. Ich will mir gar nicht ausmalen, was losgewesen wäre, wenn diese Geschichte in diesen Tagen stattgefunden hätte. Die Empörungsindustrie hätte reichlich zu tun, es hätte Rücktrittsforderungen gehagelt, die Social Media Foren würden vor Wut übergehen. Der Auftritt des “Witzeerzählers” war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Wenngleich für ihn gesprochen hat, dass er vor über 1.000 Menschen in einer Selbstanalyse den klaren Schluss gezogen hat, ein Idiot gewesen zu sein.

Aktuell lese ich gerade unter anderem das Buch Blamage!: Geschichte der Peinlichkeitdes in Thun und Berlin lebenden Publizisten Christian Saehrendt. Die Presse umschreibt sein jüngstes Werk “Der Kunsthistoriker und Autor hat eine Geschichte der Peinlichkeit verfasst und benennt Dutzende potentielle Gelegenheiten, sich nach Strich und Faden zu blamieren: von Kommunikationsdesastern über Liebespannen bis hin zu modischen und sonstigen Geschmacksverirrungen.” Während den einen jegliches Schamgefühl abginge, flüchteten sich andere aus Angst vor Bloßstellung in die gesellschaftliche Isolation – wie die sogenannten Hikikomori in Japan, kommt Saehrendt zum Schluss. Der Philosoph Peter Sloterdijk wird in diesem Buch damit zitiert, dass in jeder modernen Nation täglich um die 20 bis 30 Erregungs- oder Empörungsvorschläge lanciert würden. Wenn die entscheidenden Anlässe die Multiplikatoren nicht erreichten, bliebe der Skandal aus. Hätte sich die Affäre aber erst einmal entwickelt, wäre sie hochgradig ansteckend. Das Peinlichkeitspotenzial stiege sozusagen ins Unermessliche. Zurück zu jener Gruppe, die in Japan als Hikikomori bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren, die Ursachen liegen in Versagensängsten. Auch wenn diese Krankheit einen ernsten Hintergrund hat, stelle ich mir gerade vor, wie es wäre, wenn sich beispielsweise manche Politiker quer durch alle Parteien freiwillig für eine bestimmte Zeit zurückziehen würden, ein Hikikomori macht das für mindestens 6 Monate. An einem Tag wie heute würden uns demnach viele Festtagsreden erspart bleiben, deren Inhalte schon am Tag danach keine Gültigkeit mehr haben. In diesem Sinne: ein Hoch dem 1. Mai!

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