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Don’t hurry sickness!

Gestern Morgen beim Frühstück in einem Berliner Hotel komme ich mit einer Servicekraft ins Gespräch. Eine junge Dame erzählte mir, dass sie froh sei, unmittelbar in Wohnungsnähe einen Job gefunden zu haben. Weniger gut sei, dass sich der Job so gestaltet: Abrufbereitschaft am Morgen in einem Zeitfenster von 6.30 bis 11.00 Uhr, am Abend in einem Zeitfenster von 17.00 bis 21.00 Uhr. Wenn ihre Arbeitskraft nicht gebraucht werde, dann gibt es auch kein Geld. Die größte Belastung sei aber, so die dunkelhaarige Frau Anfang 30, dass man in diesen Zeitfenstern einfach sitzt und wartet – ob man dann gebraucht werde oder nicht. Freie Zeit sieht wahrlich anders aus, denke ich mir, die grell geschminkte Servicekraft steht mittlerweile bei einem anderen Tisch. Vermutlich wird sie wieder über ihre prekäre Arbeitssituation erzählen. Vielleicht hilft ihr das Gespräch darüber, um die Situation besser verarbeiten zu können. Heute Abend sitze ich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema “Gesunde Mitarbeiter – Produktive Unternehmen”. Diese Geschichte würde sich gut als Einstieg in die Debatte eignen, finde ich.

Die Angestellte des Hotels ist kein Einzelfall, sie ist vielmehr beispielhaft für den gesamten Arbeitsmarkt. Flexibilität lautet das Schlagwort, Ausbeutung das Ergebnis. Unternehmer wie Mitarbeiter sind gleichermaßen davon betroffen! Persönlich glaube ich, dass der Umstand, dass es keine Regeln mehr gibt, dass sich permanent die Anforderungen an die Arbeitszeit, an die Verfügbarkeit, an die Aufgabenstellung ändern, den Menschen die Stabilität unter den Füßen wegzieht. Diese sich in vielen Branchen ergebenden tagtäglich neuen Anforderungen setzen Menschen unter Druck, ständige innere Unruhe ist das Folge, Burnout das Ergebnis. Zweistellige Wachstumsraten pro Quartal im “Club der Ausgebrannten” sind ein eindeutiges  Warnsignal, das von vielen Entscheidungsträgern noch immer vollkommen falsch gedeutet wird. Ich glaube, dass wir vielerorts die Grenzen des menschlich Verträglichen erreicht haben. Menschen sind keine Maschinen – eine Tatsache, die viele Technokraten, Kostenrechner und sonstige Optimierer nicht immer wahrhaben wollen. Es gibt für Mensch, Tier und Natur psychische und physische Grenzen, die nicht dauerhaft überschritten werden können.

Eine Parabel aus Afrika erzählt folgende Geschichte: „Jeden Morgen wacht in Afrika eine Gazelle auf. Sie weiß, sie muss schneller laufen als der schnellste Löwe, um nicht gefressen zu werden. Jeden Morgen wacht in Afrika aber auch ein Löwe auf. Er weiß, er muss schneller als die langsamste Gazelle sein. Sonst würde er verhungern.“ Es ist eigentlich egal, ob du Löwe oder Gazelle bist, wenn die Sonne aufgeht musst du rennen, so lautet die Botschaft oder das Synonym einer einer Nonstopgesellschaft, in der Rast- und Ruhelosigkeit den Ton angeben. „Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig, aber wir denken noch immer in Kategorien des vorelektrischen Zeitalters“, stellte schon 1964 Marshall McLuhans in seinem Bestseller Understanding Media fest. Wir erleben eine permanente Beschleunigung unseres Lebens ohne entsprechendes Beschleunigungsmanagement, könnte man zusammenfassend feststellen, wer aber lehrt uns den Umgang damit? Um es in den Worten des Münchner Zeitforschers Karlheinz Geißler zu sagen “haben wir bisher statt Zeitmanagement nur Beschleunigungsmanagement betrieben”.

Wir essen und telefonieren zugleich, wir fahren mit dem Auto und nahezu unverzichtbar zur zeitlichen Wertschöpfung gehört das Handy ans Ohr geklemmt, und wenn wir endlich zu Hause angelangt sind, versuchen wir unsere Ruhephase zappend zwischen 100 Fernsehprogrammen zu genießen. Alles zugleich, damit ja keine Zeit verloren geht. Verlernt haben wir aber, uns manchmal zurückzunehmen und einfach abzuwarten, Erlebtes zu reflektieren. Wer im Leben nicht die entsprechende Balance zwischen Beschleunigung und Verlangsamung findet, der wird keine Zufriedenheit erlangen, weder in der Arbeit, noch im privaten Bereich. Und die Folgen dieser Unausgeglichenheit machen mitunter krank. Hurry Sickness, Hetzkrankheit, heißt das Syndrom, das in den USA wie eine Epidemie um sich gegriffen und längst auch in Europa Einzug gehalten hat. Der wachsende Druck, mit Arbeit und Alltag in immer schnellerem Tempo fertig zu werden, macht krank. Bluthochdruck ist der Anfang, Burnout der Zwischengang, Herzinfarkt oder Schlaganfall der finale Höhepunkt, könnte man zynisch die Perspektiven mancher Menschen zusammenfassen. Viele Rahmenbedingungen sind zugegebenermaßen vorgegeben, aber nicht wenige Dinge können wir unser Leben betreffend auch selber gestalten. Interessanterweise erinnern sich Menschen meist erst dann an diesen Umstand, wenn es zu spät ist.

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