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Der Wert der Werte

Vor einigen Tagen ging eine CNN-Eilmeldung um die Welt. Ein sechsjähriger Bub sei im US-Bundesstaat Colorado in einen von seinem Vater selbst gebauten Heliumballon geklettert, das Verankerungsseil habe sich gelöst und das Kind sei mit dem Fluggerät auf und davon geflogen. Während ganz Amerika und die halbe Welt um das Schicksal des Buben bangten, tauchte der wohlbehalten am Dachboden des elterlichen Hauses auf. Stunden später löste sich die scheinbar dramatische Geschichte folgendermaßen auf: Die Eltern hatten bereits mehrfach erfolglos versucht, Protagonisten in US Realityshows zu werden und nun – quasi als PR-Maßnahme in eigener Sache – die Ballon-Story inszeniert, um möglichst publikumswirksam in die Medien zu gelangen. Was mir dazu einfällt? Ich finde es geschmacklos mit dem Wohlergehen und der Gesundheit eines Kindes Scherze zu treiben. Ich finde es höchst unmoralisch mit den Ängsten anderer Menschen zu spielen. Und ich finde es widerlich, wie sich Menschen zum eigenen Vorteil über Grundregeln menschlichen Zusammenlebens hinwegsetzen. Was mich zum eigentlichen Thema bringt, einem Thema, das mir seit geraumer Zeit im Kopf herum spukt. Nämlich: Welche Werte haben wir heute noch in unserer Gesellschaft? Woran können wir uns festhalten, worauf können wir uns verlassen? Haben die Werte, die sich auf die klassischen philosophische Traditionen, wie die Tugenden von Aristoteles oder der Kant´schen Pflichtenethik („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“) berufen heute noch Gültigkeit?

Der galoppierende Wandel in unserer Zeit verunsichert die Menschen. Die ständige Innovation und die fortschreitende Globalisierung lockern die Bindewirkung von Nation und Familie und schwächen die Prägewirkung von Kirche, Glauben, literarischen oder historischen Vorbildern. Der Wandel der Gesellschaft – durch Wohlstand, Verkleinerung der Familien, Verstädterung, Bildungsexplosion und Medienexpansion führt vermehrt zu Desorientierung in unserer Gesellschaft. Lebensgenuss geht heute vor Leistungserbringung. Wir nehmen uns das Recht zu fast allem heraus ohne uns unserer Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber bewusst zu werden. Der Einzelne, wenn er seine Selbstverwirklichung leben will, muss aktiv dazu beitragen, das das Ganze funktioniert. Aber das tut er oftmals nicht. Da gibt es Menschen, die liegen monatelang tot in ihrer Wohnung und niemand bemerkt es. Es passieren Gewalttaten auf offener Straße und keiner schreitet ein. Da verblutet nach einem Autounfall ein Mensch in seinem Fahrzeug und niemand bleibt stehen. Niemand fühlt sich zuständig.

Gibt es einen Werteverfall, der uns verrohen lässt? Wandern durch den Wertewandel alte Tugenden wie Respekt, Treue, Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß in die Mottenkiste, um Platz zu machen für die individuelle Selbstverwirklichung? Werte bilden die Basis unseres sozialen Handelns. Aber wie können wir sie in das Leben im 21. Jahrhundert integrieren? Welche Wertvorstellungen haben wir in unseren Beziehungen, bei der Erziehung unserer Kinder, im Sport oder im Wirtschaftsleben?

All das sind Fragen, die mich seit einiger Zeit nicht mehr los lassen und mich dazu bewogen haben, eine Plattform ins Leben zu rufen, die die Diskussion zum Thema Werte in Gang bringen soll. Vor wenigen Tagen gründete ich gemeinsam mit  Christine Steindorfer das „ Insitiut zur Förderung der Werteentwicklung“ (IFWE). Unser Ziel ist eine Wertestrategie für die Entwicklung der Menschheit auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Solidarität und nachhaltiger Entwicklung sowie eines Dialogs zwischen Kulturen und Religionen, die auf Partnerschaft, gegenseitigem Respekt, Einfühlungsvermögen und Geduld basiert. Die Basis der Arbeit des IFWE bildet die „Werte-Studie“, die den Status quo in Form einer wissenschaftlich gestützten demoskopischen Erhebung ermitteln soll.

Als Geburtshelferin für den IFWE fungierte die Ö1 Journalistin Sonja Watzka, die durch ihr ehrliches Interesse am Thema und Ihre Bereitschaft zur medialen Kooperation die Initialzündung für die fruchtbare Arbeit des IFWE gegeben hat und der ich an dieser Stelle ganz herzlich danken möchte. Das IFWE ist daran interessiert, gute Ideen aufzugreifen und eigenständige Aktivitäten zu initiieren, damit sich durch Bewusstseinsbildung von unten auch das Handeln politischer und wirtschaftlicher Eliten ändert.
In diesem Sinne, freue ich mich auf regen Austausch und Ihre Unterstützung jedweder Art! Alle relevanten Informationen zum IFWE finden Sie unter www.ifwe.at!

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