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Das Christkind wohnt im Audimax

Die ersten Weihnachtsmärkte haben aufgesperrt, die Punschstände finden regen Zulauf und auch an den österreichischen Universitäten werden schon eifrig Briefe an das Christkind geschrieben. Ganz oben auf den Wunschzetteln: „Bildung für alle – und zwar umsonst“, „Schluss mit Unterfinanzierung, Wettbewerbslogik und Elitenbildung“ und „Lesbenbande statt Männerbünde“. Geistreiche Parolen wie diese machen die Absurdität der Forderung und den Realitätsverlust rund ums besetzte Audimax mehr als deutlich. Klar, Bildung für alle ist eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit – nur bezahlen muss jemand dafür. Der frühere ORF-Generalintendant Gerd Bacher sagte einmal, er kenne keinen Trottel, der belesen sei, aber viele Trottel, die studiert hätten! Pauschalurteile zu fällen liegt mir fern, aber wenn ich mir ansehe, was in den letzten Tagen und Wochen an den Universitäten los ist, dann wird mir bei der Vorstellung, dass einige dieser Studenten irgendwann die geistige Elite des Landes bilden, angst und bange. Und wenn das, was wir derzeit an Österreichs Unis erleben, die Zukunft des Landes ist, dann kann und will ich mich mit diesen Menschen nicht solidarisieren.

Es ist ebenso utopisch wie unverschämt, alles in unbeschränktem Ausmaß zu fordern: Zeit, Geld und hohe Qualität. Das ist eine Milchmädchenrechnung, die einfach nicht aufgehen kann. „Die einen stellen Forderungen, die anderen stellen sich tot.“ bringt Peter Skalicky, der Rektor der Technischen Universität Wien in einem Interview kürzlich die Krux der aktuellen Studentenproteste auf den Punkt. Dazu ein paar Zahlen: In Summe studieren in Österreich 292.145 Personen, davon 223.562 ordentliche Studierende an öffentlichen Universitäten (laut Statistik Austria). Das bedeutet einen Zuwachs von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Kosten eines Studenten: € 38.800 für den Staat! (Quelle: OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2009“) Und dann kommt es! Die Drop-Out-Quote an österreichischen Unis: 41%! Bildung ist ein hohes Gut und entscheidend für die Erwerbsbiografie eines Menschen und nicht weniger für die Standortqualität eines Landes. Aber die Frage muss schon erlaubt sein, wie es sich mit jenen verhält, die sich vom Staat eine Ausbildung subventionieren lassen und dann aus irgendwelchen Gründen ein Studium nicht abschließen. Ich behaupte, dass nicht die Intelligenz primär entscheidend ist, ob man ein Studium zu Ende bringt; entscheidend ist vielmehr die Ausdauer. Und wenn Tausende von Studenten eine Ausbildung beginnen und aber irgendwann ohne Abschluss die Segel streichen, dann sollten Sie auch zur Kasse gebeten werden.

Seit der Ära der ehemaligen Wissenschaftsministerin Herta Firnberg in den frühen 70er Jahren darf in Österreich jeder das studieren, was er möchte (somit erklären sich auch die zahlreichen Psychologie- und Politologie-Studenten). Das hat sich bekanntlich herumgesprochen. Und so machen es nicht zuletzt die Numerus-clausus-Flüchtlinge aus Deutschland hierzulande eng in den Hörsälen. Groteskerweise finden sich viele von denen jetzt unter den Demonstranten, Studenten also, die daheim nicht studieren dürfen, in Österreich aber schon. Übrigens, eine überraschende Botschaft für die Befürworter des freien Hochschulzuganges: In weltweiten Rankings schneiden Massengratisuniversitäten selten hervorragend ab. Folgerichtig sind nur jene heimischen Universitäten ernsthaft konkurrenzfähig, die Aufnahmebeschränkungen haben, wie die Kunst-Unis, die das seit Jahrzehnten praktizieren. Am Salzburger Mozarteum etwa kommen nur knapp fünf Studenten auf einen Professor, an der WU hingegen über 44. Auch an der Publizistik mit aktuell über 7000 Inskribierten kann man weder qualitätsvoll studieren noch lehren, ganz abgesehen von der Frage, wo es Jobs für tausende Publizisten gibt. Es ist im Sinne der Studierenden, wenn Eingangsphasen samt Abschlussprüfung existieren, die man unfreundlich auch „Knock-out-Prüfung“ nennen kann.

Liebe Studierende! Wie wär es, einmal bei Euch selbst und Eurer Motivation, Eurer Arbeitsbereitschaft und Eurem Engagement zu beginnen, statt wie in Österreich so oft üblich, zu fordern, zu jammern, zu protestieren? Wie wäre es, wenn Ihr zur Abwechslung nicht nur auf Eure Rechte pocht, sondern Euch auf Eure Pflichten besinnt? Studieren bedeutet Arbeit. In einer Zeit, in der Arbeit als Zustand gilt, den man eher meiden soll, ist es kein Wunder, dass so manche den harten Studienfächern ausweichen. Hier ist nicht der Wissenschaftsminister allein gefordert, hier geht es um ein Bekenntnis der gesamten Öffentlichkeit (und mit ihr der Politik) zugunsten von Arbeit und Leistung. Die Realität schaut freilich anders aus: Mit der Forderung nach der Abschaffung der Leistungsbeurteilung in der Schule bis zur möglichen Flucht in die Frühpension bald nach dem Fünfziger wird eher dem Drückebergertum gehuldigt.* (Erich Witzmann, Die Presse) Und liebe Regierung, bitte lasst die Bildungsdebatte nicht zum Wahlkampfjoker verkommen! Jahrelang ist nichts geschehen. Ohne Konzept wurden aus Universitäten für eine Elite plötzlich Hochschulen für die Massen. Es geht nicht nur um mehr Geld. Es geht um ein klares Commitment von Bildungspolitik als zentrale Zukunftsfrage für unser Land.

Bitte führt die Studiengebühren wieder ein und erlasst sie ausdrücklich jenen, die sich ob ihrer sozialen Herkunft ein Studium sonst nicht leisten können! Aber wenn ihr die Studiengebühren wieder einführt, dann in einer Höhe, dass jene, die in den Genuss der Ausbildung kommen, auch ordentlich bezahlen. Das Land muss überall den Gürtel enger schnallen, jeder und jede werden zur Kasse gebeten, nur die Studenten sollen davon ausgenommen sein? Wird die praktische Elite in diesem Land von irgendjemand gefördert? Bekommt ein Handwerker, der ein Meister werden will, einen öffentlichen Zuschuss? Nein! Es geht um Lastenverteilung! Und wenn es diese faire Lastenverteilung gibt, dann wird auch Geld vorhanden sein, um in fehlende Infrastruktur zu investieren! Was nottut, sind Entmystifizierungen, klare Anreizsysteme und ein gerechtes Finanzierungssystem.

Nicht dass ich ein glühender Verfechter alter Volksweisheiten wäre, aber manchmal treffen sie ganz einfach des Pudels Kern: „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Denkt also auch nach über ein staatliches Kreditsystem für Studierende, wie es in vielen Ländern längst erfolgreich, umgesetzt wird. Denn es böte genau jene Vorteile, für die heute lautstark demonstriert wird: Es entkoppelt den Bildungswillen von der Zahlungsbereitschaft der Eltern, es ermöglicht ein Studium ohne schlecht bezahlte Nebenbeschäftigung und erlaubt, bei entsprechender Amortisationszeit, die Aufteilung der Kosten auf einen langen Zeithorizont.**
Liebe Studierende, das freie Europa ist eines der größten Privilegien Eurer Generation, die Dynamisierung der Gesellschaft geht mit dem einher. Ihr solltet Tage wie diese nicht zur Suderei verwenden, sondern dafür, um einmal zu studieren, wie es im wirklichen Leben zu zugeht! Denn auch wenn es eine niederschmetternde Erkenntnis für Euch ist: Das Christkind gibt es nicht.

* vgl. Erich Witzmann in „Die Presse“
** vgl. Kommentar von Andreas Schibany ind „DER STANDARD“