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Begegnung vor der Erinnerung

Vor ein paar Wochen habe ich einen lieben Freund bei einem Abendessen in Bonn getroffen. Seine Herzlichkeit hat jeden Raum erhellt, hat eine Stimmung geschaffen, die wohltuend und tiefgründig gewesen ist – er kreierte immer wieder einen Gegenpol in einer Zeit, die oftmals von unreflektierter Oberflächlichkeit geprägt ist. Gestern Morgen ist er verstorben, irgendwie vorhersehbar, dennoch unerwartet in diesem Moment. Aber wann kommt der Tod schon zum richtigen Zeitpunkt? Unvergesslich bleibt mir eine Episode aus dem letzten Herbst. Wir treffen uns in einem Theater. Vor der Aufführung stellt er mir seine Begleitung mit den Worten vor: “Das ist meine Ex-Freundin, sie hat in meinem Auftrag dein letztes Buch für mich gelesen, damit ich weiß, was du da geschrieben hast. Und ich finde, du hast da einige richtige Dinge angesprochen.” Haben Sie schon mal so eine Form von Wertschätzung erfahren? Da geht jemand her, beauftragt in diesem Fall eine vertrauenswürdige Person, sich mit deinen festgeschriebenen Gedanken auseinanderzusetzen und diese vorzutragen, weil das Lesen von Büchern nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, damit er dir später eine persönliche Rückmeldung geben und mit dir eine fachliche Diskussion führen kann! Und dieser in Sachen Weltoffenheit und gelebter Gastfreundlichkeit so besondere Mensch sagt das auch noch so ehrlich zwischen jenen Zigarettenkippen, die sein Leben in der Summe vorzeitig beenden sollten. Das ist eine gewisse Form von Größe, die nur wenige Menschen besitzen! Vor einigen Tagen habe ich noch einem anderen Freund einen Blog gewidmet, weil er sprichwörtlich von der Schippe gesprungen ist. Jetzt habe ich einen Menschen verloren, der dieses Glück nicht hatte, noch mal einen Lebensjackpot zu ziehen. Aus, vorbei, für immer! Der Tod verhandelt niemals und ein weiteres Leben wird es optional gesehen nicht geben. So die traurige Erkenntnis im Diesseits, ob es im Jenseits anders sein wird, vermag ich nicht zu beurteilen und lege auch keinen Wert darauf, das so bald zu erfahren. Aber mich beschäftigt in diesem Moment, wie schon so oft in meinem Leben, die nicht vorhersehbare Gewissheit, dass du einen Menschen siehst, aber nicht weißt, dass dies die letzte Begegnung, die letzte Berührung sein kann, die irgendwann deine Erinnerung bestimmen und prägen wird. Es ist gut, dass man im Ungewissen bleibt, wann man mit einem lieb gewordenen Menschen die letzen Worte wechselt. Es ist gut, wenn man nicht fühlt, dass sich ein Händedruck oder eine Umarmung nie mehr wiederholen werden. So grausam und so gut ist das Leben zugleich. Und was bleibt für uns im Hier und Jetzt als Erkenntnis? Die für mich frei nach Giovanni Boccaccio (1313 – 1375) unumstößliche Gewissheit, dass es besser ist, zu genießen und zu bereuen, als zu bereuen, dass man niemals genossen hat. Mach´s gut Werner, nicht bald, aber irgendwann sehen wir uns wieder!

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